MONSTERSGAME Clangeschichte
Hier ist sie:
Prolog
Die junge Frau war nicht allein - das spürte sie. Doch nirgendwo konnte sie Ihren Verfolger erkennen, alles schien in friedlicher Stille da zu liegen. Trotz alledem verließ sie das Gefühl, verfolgt zu werden nicht. "Heilige Mutter Gottes, hilf mir!" rief sie in die Stille der Nacht hinaus.
Das Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker.... Es war vergleichbar mit der Ahnung, die man verspürt, wenn man am Morgen erwacht und spürt, das über Nacht Schnee gefallen ist, und tatsächlich ist alles weiß.
Da WAR etwas! ABER WAS???
Sie rannte, rannte um ihr Leben, setzte all ihre Energie in ihren Lauf und sah sich nicht um.
Es war dunkel, einzig das fahle Licht des vollen Mondes beschien den Pfad auf dem sie sich befand. Stetig setzte sie einen Fuß vor den anderen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals, kalter Angstschweiß lief in Strömen über ihre Stirn und in ihr Gesicht. Der vor ihr liegende Pfad war uneben, voller verwachsener Wurzeln und einzelner Steine, ihre Schuhe waren alles andere als geeignet für einen schnellen Lauf, aber diese abzustreifen würde ihre panische Flucht nur erschweren.
Was um alles in der Welt war nur in sie gefahren - warum musste sie sich auf diese schräge Wette einlassen, und sich mitten in der Nacht in diesen Wald begeben?
Ja, sie hatte vermutet, dass ihre Freundin sich einen Scherz erlauben würde, aber das war kein Scherz mehr, das war bitterer Ernst...
Mit dem Absatz ihres linken Schuhs blieb sie hängen - der Absatz brach und sie strauchelte, konnte sich aber noch fangen. Hinkend setzte sie ihre Flucht vor der unsichtbaren Gefahr fort. Sie fühlte einen heißen Atem in ihrem Rücken und vernahm ein lautes Atmen, ein hecheln, fast wie ein Hund.
Es kam näher...
Langsam und stetig näher...
Nur wenige hundert Meter vor sich sah sie ihren Wagen - sie setzte ihre ganze noch verbliebene Energie in den Endspurt ein - und spürte wie etwas nach ihrem Unterschenkel schnappte und voller Wucht zupackte!
Schreiend vor Schmerz und Verzweiflung fiel sie zu Boden, ihre Finger krallten sich tief in den Erdboden und sie zog sich langsam vorwärts, doch es war zu spät.
Die Kreatur, die sie so weit durch das halbdunkel gehetzt hatte war über ihr und zog sie zu sich heran, näher und näher. Sie wollte wissen, was ihr nachgestellt hatte und wandte ihren Oberkörper mit letzter Kraft herum. Über ihr stand ein gewaltiges, monströses Wesen, halb Mensch, halb Tier - ein Wesen, an dessen Existenz sie nie geglaubt hatte. Gelbe Augen blickten sie drohend an, ein riesiges, mit scharfen Fangzähnen besetztes Maul näherte sich geifernd ihrem Gesicht. Stinkender Atem hüllte sie ein und vernebelte ihr die Sinne.
Tränen füllten ihre Augen, sie konnte nicht einmal mehr schreien, die Todesangst schnürte ihre Kehle zu.
Das Wesen hielt inne, blickte sie an und musterte sie von oben bis unten.
"Du bist stark! Und du bist schön!" sagte es mit einer Stimme, die aus den tiefsten Gründen der Hölle zu kommen schien. "DU wirst mein Erbe sein! Du wirst meine Saat in die Welt tragen und meiner Rasse zu der Größe verhelfen, die ihr gebührt! Schätze Dich glücklich, das ich Dich fand, und nicht eines dieser Nachtwesen, denen jegliche Menschlichkeit versagt bleibt! Ich habe Dich auserwählt, mein Rudel zu leiten, denn meine Zeit ist abgelaufen. Meine Saat wird in Dir aufgehen, der Wolf wird von nun an ein immerwährender Teil von dir sein! Doch nur in Nächten wie diesen wirst Du ihn nicht kontrollieren können - in Nächten wie diesen wird er Dich kontrollieren, es sei denn, du bändigst ihn. Dann wird er dein Freund und Helfer sein!
Ich habe DICH erwählt, die Henker des Mondes zu führen, doch ich lasse Dir die Wahl - willst Du mein Erbe annehmen, oder willst du deinem Schöpfer entgegen treten?"
Die junge Frau bebte vor Angst. Was für eine Wahl hatte sie? Tot oder auf ewig ein verdammtes Wesen der Finsternis... Sie dachte an ihre Freunde, ihre Familie - sie konnte sie nicht im Stich lassen. Sie widerstand dem Blick des Werwolfs und fragte:
"Wer bist Du? Und was erwartet mich, wenn ich ja sage?"
Der Werwolf richtete sich langsam auf. Das Maul mit den messerscharfen Fängen bildete sich unter lautem Knirschen zurück, das Fell fiel in dichten Flocken von ihm ab und der verkrümmte Körper wandelte sich langsam in seine menschliche Gestalt zurück. Vor ihr stand eine Frau, jünger aussehend als sie, aber voller Erhabenheit.
"Ich bin Carnifex, Hüterin der CaX, der Henker des Mondes!
Und wenn Du mein Angebot annimmst erwartet Dich Macht! Verantwortung! Freundschaft, wie du sie nie gekannt hast und ein zu Hause, das eines Königs würdig ist... Aber auch der Fluch des Wolfes! Entscheide dich!"
Die beiden Frauen sahen einander tief in die Augen. Auf der einen Seite ein Werwesen, halb Mensch, halb Wolf, nackt doch voller Erhabenheit und Würde, auf der anderen Seite eine Frau, die zwischen Fluch und Tod entscheiden musste...
"Ich werde es tun... ich will nicht st-"
Der Wolf schlug seine Zähne in den Hals der Frau und beendete ihren Satz.
Blut schoss aus der Wunde, nicht viel, aber genug um sie an die Schwelle des Todes zu führen.
"So soll es sein! Ich werde meinen Platz für DICH räumen! Führe meine Kinder zu Ruhm und Ehre! Du bist nun kein normaler Mensch mehr, du wirst dem Tod trotzen, du wirst der Schrecken deiner Feinde und das Licht deiner Freunde sein, denn dein Wille ist stark! Du bist von nun an FEAR!"
Erstes Kapitel
Der morgen graute bereits, als eine junge Frau inmitten einer Waldlichtung irgendwo in Deutschland die Augen aufschlug. "Meine Güte, wo bin ich hier?" fragte sie sich und sah an sich herab. Ihre Kleider waren voller Blut, ihr linker Schuh bedurfte dringend einer Reparatur und ihre Fingernägel einer anständigen Reinigung mit anschließender Maniküre. Sie schaute sich um. vor ihr stand ihr Wagen, keine hundert Schritte entfernt. Schwerfällig kam sie auf die Beine und wankte barfuss zum Auto. Endlich dort angelangt, der Weg schien sich eine halbe Ewigkeit hingezogen zu haben, schloss sie die Tür auf und setzte sich auf den Fahrersitz, drehte den Rückspiegel zu sich und erstarrte - ihre Kehle war von einer großen Narbe entstellt, alles war von getrocknetem Blut bedeckt. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Die Flucht, der Wolf, diese merkwürdige Frau, die mitten in der Nacht völlig nackt vor ihr stand und ihr Gott weiß was anbot...
DAS WAR KEIN TRAUM!
Sie nahm ihre Handtasche und suchte nach ihrem Handy. Das Display zeigte ihr deutlich an, das es Sonntag war - fünf Uhr achtundfünfzig.
"Scheisse!" Am Freitag ist sie in diesen Wald gegangen, sollte sie tatsächlich einen Tag und eine Nacht dort verbracht haben?
Sie beschloss, zunächst einmal nicht nach Hause, sondern in die kleine Pension im Ort zu fahren, sich dort ausgiebig zu waschen und etwas zu frühstücken.
Die Pension lag etwas weiter außerhalb, war in erster Linie nur von Touristen und Montagearbeitern bewohnt und niemand, der sie näher kannte hielt sich in der dort angrenzenden Kneipe auf.
Nach einer zwanzig minütigen Autofahrt kam sie dort an. Ohne die fragenden Blicke der Gastwirtin weiter zu beachten begab sie sich auf das ihr zugewiesene Zimmer und dort angelangt direkt unter die Dusche. Sie genoss das warme Wasser, das ihren Körper vom Schmutz und Schweiß befreite, aber leider nicht von den immer klarer werdenden Erinnerungen. Es war wirklich kein Traum. Während sie ihren Körper einseifte, spürte sie die Narbe an ihrem Unterschenkel - Narbe? Sie erinnerte sich daran, das die Bestie sie gebissen hatte, aber das war vor nicht einmal 48 Stunden - wie konnte das Gewebe bereits vernarbt sein?
Ganz in Gedanken versunken seifte sie ihr Bein ein und beobachtete mit einer Mischung aus staunen und entsetzen, wie sich die Narbe langsam auflöste und schließlich vollends verschwand.
"Das war ich!" Hörte sie eine Stimme in ihrem inneren, "Ich kümmere mich um dich - so wie du dich um mich kümmern wirst!"
Es war also wahr - es war exakt so eingetroffen, wie der Werwolf es prophezeit hatte - sie würde von nun an nicht mehr allein sein!
"Finde dich damit ab, ich werde nicht mehr von deiner Seite weichen - und bist du gut zu mir, bin ich gut zu dir!" flüsterte der Wolf in ihr.
Sie verließ die Dusche und trocknete sich ab, schlüpfte in ihre Kleider und ging langsam zur Rezeption. "ICH BIN NOCH DA!!!" blaffte sie die Bestie in ihr an.
Sie nahm ihre Kreditkarte aus der Tasche und reichte sie der Wirtin an der Rezeption, die sie besorgt ansah. "Alles in Ordnung gnä´Frau?"
"Ja, danke, alles bestens, nur eine leichte Migräne... Liegt wohl am Wetter..."
Die Pensionswirtin zog die Karte durch das Lesegerät und beäugte ihren Gast skeptisch, sagte aber nichts weiter. "Einen schönen Tag noch dann!" rief sie der jungen Frau hinterher, aber das registrierte diese schon nicht mehr. Gedankenverloren ging sie zu ihrem Auto und stieg ein.
"Du bist von nun an FEAR!" sagte die Stimme in ihrem inneren. Fear - Angst... Das sollte sie sein? Genau das verspürte sie gerade! Sie startete den Motor und fuhr los, irgendwo hin, völlig ziellos. Du bist von nun an FEAR! Du bist von nun an FEAR! Du bist von nun an FEAR! "Du bist von nun an FEAR!"
Ihre Gedanken überschlugen sich, ihr ganzer Körper bebte und erneut spürte sie kalten Schweiß, der sich aus ihren Poren drängte. "Du bist von nun an FEAR!"
Unvermittelt trat sie auf die Bremse, der Wagen kam ins Schleudern und bewegte sich auf den Straßenrand zu... Du bist von nun an FEAR!
"JAAAAA!!!! ICH WEISS ES!!! ICH WEISS WER ICH BIN!!!! ICH BIN......"
Sie wusste es nicht mehr. Sie hatte ihren Namen vergessen. Verzweiflung machte sich in ihr breit, Angst, war das die erste Stufe vor dem Realitätsverlust? War das der Realitätsverlust??
Du bist von nun an FEAR! Du bist von nun an FEAR! FEAR!!!FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!!
Der Wagen stand still, lag am Straßenrand, irgendwo im Nirgendwo... Sie musste etliche Kilometer gefahren sein. Jegliche Orientierung war verloren. "Hätte ich nur mein verdammtes Navi eingepackt!!!!"
FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!
Die Bestie drängte sich in den Vordergrund - die Bestie... Die Bestie?
FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!
"Behüte meine Kinder" FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!!
Sie begann zu schreien, ein Schrei, wie er verzweifelter nicht hätte sein können... Voller Panik sprang sie aus ihrem Wagen und lief fort - irgendwo hin, egal, fort von diesen Stimmen, fort von der vergangenen Nacht fort von... FEAR!!!FEAR!!!FEAR!!!
"FEAR???"
Sie hörte eine Stimme hinter sich.
"FEAR!?"
Das muss ein böser Traum sein!
"FEAR!!!" - sie hielt an und sah sich um. Hinter ihr lief eine ganz in schwarz gehüllte Gestalt. Eine Frau. Sie war auf jeden Fall älter als sie, aber irgendwie schien sie ihr vertraut zu sein.
"Da bist du ja!" sagte sie und lächelte. "Hallo Kerstin!"
Sie blickte die schwarz gekleidete Frau entgeistert an. "Wer sind sie? Und woher kennen sie meinen Namen?" `ist das überhaupt noch mein Name..?`
"Ich bin Manu, aber nenne mich besser Schattenfell - Ich bin das, was die Menschen einen Kriegsfürsten oder Kriegsminister nennen. Ich soll dich abholen!"
Kerstin - war das mein Name? FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!!
"Schattenfell, ja? Wo sind wir hier?" die junge Frau wurde zusehends nervöser.
"Wir sind hier und dort, erkannt und doch nicht erkannt, bekannt und doch nicht wahrgenommen... Wir sind zu Hause und doch nicht daheim... Aber DU bist da, wo du hingehörst, zumindest auf dem Weg dahin. Hast du dich von deinem Menschsein verabschiedet?"
Kerstin schwanden die Sinne. Menschsein - ein Mensch sein - SEIN.... Was bin ich...
"Wie kann ich mich von etwas verabschieden, was in mir ist, was mich ausmacht, was ich bin?" fragte sie vorwurfsvoll. Manu sah ihr tief in die Augen.
"Du bist kein Mensch mehr, du bist mehr als ein Mensch. Du bist ein Wandelwesen, und du bist erwählt unsere Führerin zu sein! Fühl in Dich hinein und du wirst dich finden, den Wolf in dir finden... Lass ihn frei! Niemand hindert dich daran, Mensch zu sein, aber du hinderst den Wolf in dir, Wolf zu sein!"
Kerstin senkte den Blick und schwieg. Und wieder hörte sie diese Stimme in ihrem innersten..."lass mich frei, sie hat Recht, und du weißt es! FEAR!!! FEAR!!! FEAR!!! LASS MICH FREI!!!!!"
Kerstin schwieg. Zu schwer lasteten die Erinnerungen an die vorletzte Nacht in ihrem Kopf. Die Stimme schien mittlerweile ihren gesamten Körper einzunehmen. `lass mich frei´ sagte sie immer wieder - und schließlich und endlich gab sie der Stimme nach.
"Bring mich nach Hause, Schattenfell!" sagte Fear und sah sie aus ihren gelben Augen fordernd an.
Das Schloss war gigantisch! Inmitten eines dichten Waldes erhob es sich über die Baumspitzen wie ein Phönix aus der Asche. Die imposanten Mauern und filigranen Steinmetzarbeiten zeugten von der Kunst und Liebe, die die Erbauer in diese Feste hatten einfließen lassen. Das mit kunstvollen Verzierungen umrahmte schmiedeeiserne Tor schreckte jeden Angreifer schon beim bloßen Anblick ab.
Schattenfell drehte sich zu ihrer Begleiterin um. "Gefällt es dir? Das ist dein neues Heim, deine Feste und das Domizil der Henker des Mondes, der Carnivorum Carnifex, die Heimat eines der größten Werwolfclans auf dieser Erde... Wenn nicht sogar DES größten!!! Und DU bist die Herrscherin über dies alles! Willkommen zu Hause, Fear!"
Fear war überwältigt und konnte ihren Blick nicht mehr abwenden von den erhabenen Mauern, die sich gen Himmel erhoben. Das Tor zum Innenhof wurde geöffnet, flankiert von je zwei Soldaten an beiden Seiten, deren Rüstungen ihnen selbst in ihrer menschlichen Gestalt ein wolfsähnliches aussehen gaben.
Der gesamte Innenhof wurde gesäumt von massiven, uralten Eichen, und in der mitte befand sich ein Springbrunnen, der Romulus und Remus zeigte, die Begründer Roms, wie sie an den Zitzen der kapitolinischen Wölfin genährt wurden.
Fear betrat ihr neues Reich voller Ehrfurcht; Mit einer solchen Pracht hatte sie nicht gerechnet.
Aus einer der Türen des Innenhofes trat ein stattlicher Wolf auf sie zu, stellte sich auf seine Hinterläufe und begann unter lautem Knirschen und Knacken seiner Knochen sich in einen Menschen zu verwandeln. Ein Soldat in einer prächtigen Rüstung stand vor ihr.
"Fear, das ist Wolfman," begann Schattenfell, "euer Stellvertreter und Verwalter! Ich denke, wir sollten nun in den Speisesaal gehen, die letzten Stunden haben ihre Spuren an Euch hinterlassen!"
Tatsächlich fühlte Fear sich geschwächt und wünschte sich nichts mehr, als ein kleines Mahl und etwas Ruhe.
Flankiert von Wolfman und Schattenfell betrat sie den Speisesaal, einen riesigen Raum, der eher einer Halle glich, und an allen nur möglichen Stellen durch Kandelaber und an der Wand befestigten Lampen hell erleuchtet war. In diesem Gemäuer schien die Zeit still zu stehen - nirgendwo ein Anzeichen von Elektrizität, keine Steckdosen oder Schalter, alles war wie vor hunderten von Jahren...
Aus der Ferne vernahm Fear einen lauten, aber nicht unangehmen Gesang.
"Wer ist denn das" fragte sie erstaunt und Wolfman erwiderte "Lykanor, Krieger und Koch, Musiker und König der schlechten Laune! Im Augenblick scheint er dem Gesang und der Kochkunst zu frönen - genießt es, solang es andauert! Und stört ihn um aller Götter willen NIEMALS bei seinen Astrologischen Studien - sie sind nützlich und wichtig, aber jede Störung macht ihn unausstehlich! Ein Sonderling, oftmals lange fort, aber irgendwie brauchbar!"
Schattenfell blickte seufzend zur Decke und nickte viel sagend, da betrat ein äußerst schlecht frisierter Mann um die dreißig den Saal, noch zur hälfte in seiner Wolfsform, schob einen Servierwagen vor sich her und pfiff ein altes Volkslied.
"Moin - Essen! Rinderbraten in Burgunderrahmsoße mit Serviettenknödeln und Rotkohl, dazu Salate der Saison und als Dessert Vanilleeis mit frischen Erdebeeren an grünem Pfeffer und dazu eine leichte Limettenso - oh!" Er unterbrach die Menüfolge und wandte sich und seine gesamte Aufmerksamkeit Fear zu.
"Lykanor, Koch, Krieger, Astrologe und angehender Magier - zu euren Diensten!"
Sprachs und machte einen tiefen Kratzfuß.
"Jeglicher kulinarischer Wunsch Eurerseits sei mir Befehl!"
Wolfman bedachte ihn mit einem strengen Blick. "Find ich Fell im Essen, dreh ich Dir den Hals um!" grollte er, was Lykanor dazu brachte, sich sofort gänzlich in seine menschliche Gestalt zu verwandeln. "Theatralischer Kasper!" schmunzelte Schattenfell angesichts seiner Bekleidung. Rüschenhemd, Brokatgehrock nebst passender Weste und Hose und unzählige Ringe an den Fingern. "Ich bitte sein auftreten zu entschuldigen - er ist irgendwo im beginnenden 19. Jahrhundert stecken geblieben - oder vorher!" wandte sich Schattenfell an Fear, was ihr einen finsteren Blick von Lykanor einbrachte.
"Wenn alle Bewohner dieses Schlosses so bunt gemischt und verschieden sind, verspricht es mir eine außergewöhnliche Zukunft!" lächelte Fear und wandte sich dem Mahl zu. Ja, hier lässt es sich aushalten! Lauter verfluchte, nette Wandelwesen, die irgendwo irgendein Schräubchen locker haben...
Wenn das mein neues Leben sein soll, dann bin ich gerne bereit es zu führen!
Zweites Kapitel
"Es wird Zeit Meister!"
Der halb verkrüppelte, untersetzte Mann senkte seinen Blick.
"Ich habe die Knochen befragt, und in den Eingeweiden gefallener Krieger gelesen, die Erfüllung der Prophezeiung naht- die Reine hat ihren Platz eingenommen und gewinnt von Stunde zu Stunde mehr an Kraft, die Graufelle werden sich rüsten zur entscheidenden Schlacht - Magie, uralte Magie wird ihnen zur Seite stehen, Kräfte, die wir nicht einmal in unseren kühnsten Träumen erahnen können werden..."
"STILL DU MISSGEBURT! Du Exkrement einer durch Inzest gezeugten Ratte!!!!"
Aus der Dunkelheit löste sich ein Schatten, ein schemenhafter Umriss - eine Gestalt von schier unglaublichen Ausmaßen.
"Was wollen diese vierbeinigen Narren denn schon unternehmen können? Was sollte ihren Primatenhirnen entspringen, das würdig wäre auch nur einen meiner Gedanken an sie zu verschwenden? WAS denkst du, kann dieses hergelaufene Weib gegen mich unternehmen?"
Aus dem Schatten erwuchs ein Mann von majestätischer Gestalt. Sein Gesicht war bleich wie der Schein des Mondes, seine Augen blau wie der Himmel und voll Grausamkeit, aber dennoch erfüllt von einer Sehnsucht - tiefer als das Meer und undefinierbar. Langes, schwarzes Haar fiel bis über die Schultern herab, seine Lippen waren schmal wie Klingen und die Mundwinkel verzogen sich zu einem grausamen Lächeln.
Er trug einen schwarzen, aus schwerem Brokat gefertigten Gehrock, ein Hemd aus teuerster Seide und schwere, lederne Reitstiefel zu einer samtenen Hose. Seine Schultern umgab ein schweres, schwarzes Cape mit hohem Kragen und seine Hände steckten in schwarzen, ledernen Handschuhen.
Langsam öffnete er seinen Mund und begann leise und bedrohlich zu kichern, das kichern endete in einem schallenden Gelächter, und seine Lippen entblößten scharfe Reißzähne in seinem Oberkiefer. Seine Augen begannen rot zu glühen.
"Die Wölfe wollen aufbegehren gegen ihre Herren?" rief er, "Ich werde ihnen schon ihren Platz weisen! Fear? ANGST??? JA!!! Angst werden sie verspüren, wenn ich gegen diese missratene Brut zu Felde ziehe!"
Der Krüppel hatte sich derweil unter einem steinernen Altar versteckt. Leise und schlangengleich kroch er auf den Mann zu.
"Meister - die Prophezeiung! Eine Frau reinen Blutes wird den Kuss des Wolfes verspüren und ihn in sich tragen, der Herr der Lycanoiten wird sie leiten und schützen und sie wird die Rasse der Vampire ausro..."
"SCHWEIG!" Wie ein Donner hallte die Stimme des Mannes durch den Saal und wies den kleinen in seine Schranken. "Kein Teufel und keine Hexe hatten jemals auch nur im Ansatz die Stärke in sich, die ich in mir trage! Welcher Dämon kann schon von sich behaupten, das Blut des Fürsten der Finsternis in sich zu tragen? WER hat unserem König denn die letzten Tropfen reinen Blutes entnommen, bevor er verging? Lestat? Carmilla? Orlock???? Sie sind Legenden geworden, Schauergeschichten, die sich die sterblichen erzählen, damit ihre Kinder die Fenster verschlossen halten und ihre Milch trinken! Nein mein Freund - ICH - ICH ALLEIN habe den Mut besessen dem Fürsten der Finsternis den Lebenssaft zu entreißen und mich damit zum Herrscher der Vampire erheben zu können, ich habe dieser Brut von kriechendem, sabbernden Abschaum eine Aufgabe zuteil kommen lassen, ich habe ihnen den Weg gewiesen, sich mit Menschen zu paaren! Und gegen mich wollen sie bestehen??? Nein Antoine, NIEMAND, nicht einmal der Teufel selbst vermag es sich mir in den Weg zu stellen! Ich beherrsche die Nacht UND den Tag, ich beherrsche auch die Bestien, egal was irgendeine Prophezeiung sagt!"
"Aber Meister, sie haben den Magier, die Kriegsherrin und den Wolfsfürsten, sie scharen Freunde um sich herum, Verbündete, die nicht zu unterschätzen sind..."
Der Krüppel krümmte sich ängstlich am Boden, verhielt sich beinahe wie ein geschlagener Hund als er keuchend hervorstieß:
"Die Zeichen sprechen für sich - Eure Art ist dem Untergang geweiht!"
Das letzte, was die bedauernswerte Kreatur in ihrem Leben sah, war ein greller Blitz, der sich seinem Schädel näherte, um diesen in zwei hälften zu spalten.
"Berater kommen und gehen! Feinde kommen und gehen! Aber ich, Vlad Nocturnum, Prinz von Alt Moldavia, König von Dacia, Erbe des Vlad Tepesch - GOTT unter allen Vampiren, ich werde auf ewig herrschen!!!"
Erhobenen Hauptes schritt er zum großen Nordfenster und breitete sein Cape aus - mit einem Satz war er an der Luft und verschwand als Fledermausartiger Schemen am Horizont....
"WOLFMAAAAN!!!" schweißgebadet lag Fear in ihrem Bett, die Laken in Fetzen gerissen, als sie just aus dem Schlaf erwacht in wilder Panik zu schreien begann.
Wie ein Schemen trat der von ihr gerufene Werwolf aus dem dunkel.
"Herrin?"
"Wer ist Vlad Nocturnum, was will er?" bellte sie ihn scharf von der Seite an.
"Vlad - jaaaa - also ist es wahr - und ihr habt ihn gesehen... Es war nur ein Traum, aber er verbarg einiges an Wahrheit in sich... legt euch wieder zur Ruhe und lasst mich morgen im Beisein der anderen erklären, was es mit ihm auf sich hat. Bitte, versucht zu schlafen!
Ich werde Lykanor und Schattenfell informieren, sie werden Euch morgen alles in Ruhe erklären können..."
Wolfman wandte sich der Tür zu, Sorgenfalten durchzogen seine Stirn, doch Fear war alles andere als ruhig.
"Ich soll euch leiten, aber wie kann ich das tun, wenn ich nicht einmal weiß, wer zu mir spricht, wenn ich wach bin, und warum ich im Schlaf Dinge sehe, die ich nicht verstehe, die aber so real zu sein scheinen, als stünde ich hinter einem Vorhang und wäre dabei? Ich habe Fragen, Wolfman, und ich erwarte HIER UND JETZT Antworten!"
Fear richtete sich auf, nahm zur hälfte ihre Wolfsgestalt an und wirkte trotz des dünnen Nachthemdes noch erhabener und majestätischer als ein in voller Rüstung zum Kampf bereiteter alter Werwolf.
"Ruf die beiden JETZT! Wenn ein Krieg bevorsteht, will ich um alles bescheid wissen!"
Wolfman nickte wortlos und begab sich hinaus. "Ich kann sie nicht schützen, ER wird es tun," dachte er bei sich und begab sich zu den unteren Fluren.
"Schattenfell wird die Elitetruppe vorbereiten müssen, und ich hoffe, das Lykanor seine Kochlöffel vergessen kann, und sich endlich der Magie widmen wird! Lycaon, sende uns verbündete..."
Er hatte nicht bemerkt, dass ihm ein zotteliger Wolf folgte, unmittelbar, nachdem er den unteren Flur betreten hatte.
"Hilf mir, bitte..." vernahm Wolfman eine Stimme hinter sich, "Bitteee...!"
Erschrocken wandte er sich um, seine Sinne schienen ihn im Stich gelassen zu haben.
"Wer bist Du, was willst du und wie um alles in der Welt bist du an den Wachen vorbeigekommen? blaffte er den fremden Wolf an.
"Mein Name tut nichts zur Sache," erwiderte sein Gegenüber, "zu den Wachen sag ich mal lieber nichts - ich habe keine gesehen, und was ich will ist schnell erklärt - HILFE will ich! Und vielleicht einen warmen Platz für die Nacht! Wenn DU von zwei Dutzend blutgieriger Vampire verfolgt worden wärest, würdest auch Du die Mauern Eures Schlosses mit Leichtigkeit überwinden!"
Wolfman stutzte - Vampire, zwei dutzend - nach so langer Zeit....
"Wer bist du?" fragte er erneut.
"Mein Name ist KiarX, ich komme von den Lost Werewolves und erbitte Eure Hilfe - wir sind angegriffen worden, unerwartet und ohne Chance auf Gegenwehr! Ich weiß nicht, was aus meinen Gefährten geworden ist, ich konnte mich grad einmal retten. Ich bin am Ende meiner Kräfte- Bitte, helft mir!"
Vom anderen Ende des Flures donnerte eine tiefe Stimme.
"Sie spricht die Wahrheit, Wolfman! Ich kenne sie! Sie ist mir heut Nacht in einer Vision erschienen!" Aus dem Schatten löste sich Lykanor und sah Wolfman mit verklärten Augen an. "Gewähre ihr Unterschlupf, stelle sie Fear und Schattenfell vor - sie ist ein Teil der Prophezeiung!"
Wolfman zögerte. "Was für eine Prophezeiung? Und sag mal, hast Du irgendwas genommen???"
"Die Vampire werden einen neuen Krieg herauf beschwören, und eine vollkommen Fremde wird die Werwölfe zur Schlacht leiten, geführt von einer Fremden! So lautet die Prophezeiung! Und wir alle kennen weder Fear noch sie! Doch ich habe sie beide gesehen, in einer Vision! Und das war nicht am Kochtopf!"
Wolfman sah Lykanor fragend an. Sollte der alte Wirrkopf Recht haben?
Er nickte den beiden zu und wandte sich wortlos in Richtung der großen Freitreppe, um Schattenfell in der Schlosskaserne aufzusuchen.
Am Himmel zeigte der Mond sein volles, bleiches Gesicht und lächelte wissend auf das Schloss hinab...
Drittes Kapitel
Jan van de Burgh saß über einen Berg von Büchern gebeugt in seinem Arbeitszimmer - ein mit dunklem Holz vertäfelter Raum voll gestopft mit alten Folianten und Rollen von Pergamenten und in Leder eingebundenen Schriften.
In der mitte stand ein massiver, wuchtiger Schreibtisch. An eben jenem befand er sich und ging seinen Studien nach.
Sein ganzes Leben war bislang erfüllt von der Jagd nach den "Wesen der Nacht"... allen voran die Plage, die allabendlich die Häuser der Menschen heimsucht, um diese ihres Lebens zu berauben - den Vampiren; In direkter Nachfolge jene, die ihnen einstmals zu Diensten waren, diese Halbwesen, die nach nichts weiter gieren als dem frisch erlegten Fleisch unschuldig dahingeraffter Menschenkinder - die verabscheuten Speichellecker der Vampirbrut, die Flohverseuchten, rattengleichen Wolfsmenschen, die Lykaner...
Sein Vater, Eric van de Burgh, war einstmals einem dieser Werwesen zum Opfer gefallen und ging den leidvollen Weg der Fleischeslust bis zu dem Tag, als sein Sohn ihn mit einer silbernen Kugel davon erlöste!
Gott hatte diese Wesen nicht gewollt, sie sind gefühllos und grausam, nicht lebenswert, weder Mensch noch Tier....
Jan van de Burgh hatte genügend der alten Schriften gelesen, um das Wesen dieser Kreaturen zu kennen, er wusste um alles bescheid - dachte er...
Bis zu eben jenem Abend, an dem er einen unerwarteten Gast empfing.
Sein Diener, Vertrauter - fast schon Ziehvater betrat ohne anzuklopfen das Arbeitszimmer...
"Bei Gott, Anatol, wie kannst Du..."
"Mynher," stammelte der bedienstete, "Ich bitte um Vergebung, aber soeben ist ein Mann eingetreten, dessen Beharrtheit darauf schließen lässt, das sein Anliegen keinerlei Aufschub duldet... Er sprach von Zeichen und Sternenkonstellationen, er wirkte mehr als gedrängt, er....
"Wie um alles in der Welt ist sein Name?" polterte van de Burgh seinem Diener zu, "Nannte er seinen Namen??"
"Da Nuit, Mynher, Luc Da Nuit - er sagte, das er..."
"Bitte ihn herein!" der junge Mann wusste, wer da vor der Tür stand...
Luc ... Nuit ... Lyk; Lycantroph - Nuit - die Nacht....
Was würde ein Werwesen, an die Nacht des vollen Mondes gebunden, von ihm wollen? Was wohl, außer Gnade...
"Mynher!?" Anatol, der Diener, betrat das Arbeitszimmer erneut, gefolgt von einem ganz in schwarze Roben gehüllten Mann um die dreißig.
"Monsieur Luc de la Nuit..."
Der schwarz gewandete nickte dem alten Diener dankend zu, van de Burgh winkte Anatol hinaus und wandte sich zu seinem Gast.
"Was kann ein Dämon von mir wollen!??" schmetterte er ihm entgegen.
"DÄMON?? Das bin ich für Dich, Mensch? Ein D Ä M O N???"
Der fremde wirkte sichtlich entrüstet.
"Ich bin wahrscheinlich mehr ein Mensch als DU, und DU bist aller Wahrscheinlichkeit nach mehr Dämon als Mensch... Ich für meinen Teil töte, ja, aber nur um zu überleben, nicht um, so wie Du, meine Territorien zu erweitern - aber, das ist nun nicht von Belang... Auch wenn Du mich am liebsten als Trophäe an Deine Scheißwand hängen würdest - wir haben ein Problem! WIR!! Deine und meine Art!"
Die eintretende Stille schien das gesamte Zimmer einzunehmen.
"Ich kenne den Schund, den Du studierst, einen Teil davon habe ich selbst vor JAHRHUNDERTEN verfasst!" referierte der Fremde weiter, "Damals war ich, so wie Du, davon beseelt, die Welt vom bösen zu befreien, bis das Schicksal aus mir eines der Wesen machte, die ich heute bis aufs Blut verfolge, so wie Du es tust! Ich WAR ein Vampir, bis ich aus Tölpelei in meiner vampirischen Gestalt zu einem Werwolf wurde, weil ein solcher mich im Kampf nur verletzt, aber nicht gänzlich getötet hatte... Das verlieh mir, gepaart mit meinen als Mensch gesammelten Erkenntnissen einen unermesslichen Wissensschatz... - Ein Wissen, das nur DU für unser aller Schicksal nutzen kannst..."
Jan van de Burgh begann zu lachen. Laut und unaufhaltsam.
"Was willst Du Kreatur von mir? Was denkst Du VIEH eigentlich, wer Du bist??? Warum sollte ich Deinen Worten Glauben schenken???" sein lachen schnürte ihm die Kehle zu.
"Dein Vater starb durch eine von Deiner Hand, aus Deiner Waffe gefeuerte Kugel, eine Kugel aus massivem Silber, richtig?"
Jan kochte innerlich... "Sprich niemals mehr über meinen Vater, du..."
"RICHTIG???" der dunkle funkelte ihn aus gelben, fast brennenden Augen an.
"Ja! Ich habe meinen Vater erlöst!"
Jan van de Burgh blickte betreten zu Boden. "Ich würde alles tun, um ihm nur einmal noch, nur ein einziges Mal zur Seite zu stehen..."
"Dein Vater lebt... zwischen den Pfaden der Hölle und des Himmels wandelt er einher und sucht nach Dir, Du KONNTEST ihn nicht töten, nicht mit Silber, nicht mit einfachem Silber! Als DU geboren wurdest, war Dein Vater schon älter als die Bibel, und als Du dachtest, das Dein Vater ein Werwesen sei, da war er bereits mehr als das! Er ist als ein Vampir GEBOREN worden, und in diesem Dasein zum Werwolf mutiert! Und DANN hat er DICH erst gezeugt!
Jan war außer sich vor Wut, heiße Tränen rannen über seine Wangen, Tränen des Zorns...
"Wie kannst DU TIER es wagen, so über mich und meinen Vater zu reden??? MEIN VATER mag dem Teufel anheim gefallen sein, doch war er ein gottesfürchtiger-..."
"NEIN!!! EIN HEUCHLER WAR ER!!! UND ES REUEN IHN SEINE SÜNDEN!!!"
Jan van de Burgh kochte innerlich, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. seine Stimme begann sich zu überschlagen, er schrie mehr, als das er sprach;
"Mein Vater war ein Gottesfürchtiger Mann, der der Dunkelheit anheim fiel, er war Wissenschaftler, Astronom und Astrologe, Forscher, er konnte nichts dafür, er..."
"WURDE SO GEBOREN!!!" schrie der fremde und sprang mit einem Satz auf van de Burgh zu, begrub ihn unter sich und presste ihn mit seinem ganzen Körpergewicht zu Boden.
"Hast Du niemals Deine Mutter gefragt, warum Dein Vater so jung aussah, obwohl er schon weit über sechzig war? Hast Du Dich nie gefragt, wie er in so scheinbar kurzer Zeit ein Wissen niederschreiben konnte, was andere Menschen vor ihm nicht in 5 Leben hätten verfassen können???? Was bist Du für ein ignoranter Narr!?!?? Dein Vater LEBT!!!"
Die Augen des jungen Dämonenjägers waren weit aufgerissen vor Furcht. Er rang um Atem, jeder Kubikmillimeter Luft bedeutete ihm in diesem Augenblick mehr als alle Schätze der Welt.
"W-whhh- wer - b...bissss .... ddduuuuuu?" röchelte er, und Tränen der Verzweiflung rannen über seine Wangen.
Der Fremde ließ ihn los.
Jan rang nach Luft, sog sie ein, wie ein Ertrinkender.
"Ich brauche Deine Hilfe!" sagte der Fremde, "WIR brauchen Dich!"
Noch immer hockte er schwer auf Jans Brustkorb.
"Jan van de Burgh, Du wurdest geboren als siebenter Sohn eines siebten Sohnes, empfangen von der sechsten Tochter der sechsten Tochter einer sechsten Tochter, Dein Vater war und ist Eric van de Burgh!"
Die Augen des fremden begannen rot zu glühen - oder bildete Jan sich das bloß ein... Der finstere hob seine Hand zum Saum seiner Kapuze... Seine Stimme schien plötzlich direkt aus dem Himmel zu kommen... sanft und weich, fast zärtlich - zärtlich wie... die Stimme des Vaters...
Jan wollte es wissen... "Wer bist DU?" er weinte.
"Man nennt mich Lykanor - Magier, Astrologe, Koch...."
Der fremde lachte laut. Noch im lachen riss er sich die Kapuze herunter und sah Jan in die Augen.
"Ich lebe und kann nicht sterben, und meine Freunde und die gesamte Menschheit brauchen Dich! HILF MIR, MEIN SOHN!!!"
Viertes Kapitel
"Wer bin ich - was tu ich hier - wo komm ich her und wo gehe ich hin...?" Fear lag auf ihrem Bett und wälzte sich unruhig hin und her...
"Wer sind all diese Leute um mich herum - was wollen sie nur von mir...."
Unzählige Bilder tauchten vor ihren Augen auf, schemenhafte Spiegelungen ihrer Vergangenheit, ihres schieren Menschseins...
Dann sah sie wieder nur Augen - gelbe, fast glühende Augen, sich selbst, eine schöne, junge Frau, zu einem Monster mutierend; Sie hörte sich selbst den Mond anheulen und versank unmittelbar darauf in sich zusammen gesunken allein mit ihren Tränen - allein mit der Erinnerung und allein mit dem Wissen, einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber zu stehen.
Just in diesem Augenblick klopfte es an ihrer Tür... leise und zaghaft...
"Herein" schluchzte sie und versuchte dabei herrschend und dominant zu klingen.
Langsam öffnete sich der linke Flügel der gewaltigen Doppeltür und ein kleines Mädchen, halb Wolf halb Mensch, trat ein.
Unsicher ließ sie ihren Blick schweifen und ging langsam auf Fear zu. "Bist Du unsere neue Mama?" fragte sie.
Fear zögerte. Wenn sie überhaupt irgendjemandes Mutter wäre, dann gewiss nicht... aber diese Hilfesuchenden Augen... "Wenn Du es so wünschst, dann bin ich es wohl - zumindest denken alle, die ich bislang kennen gelernt habe, dass ich es wäre..." sagte sie und ging auf das Wolfsmädchen zu.
"Wer bist denn Du?"
"Ich bin - nun ja - man nennt mich Maulchen... Eigentlich bin ich schon sehr stark hier, aber alle behandeln mich wie ein kleines Kind... manchmal wäre ich das auch gern, aber ich bin eine der ältesten hier!" sprachs und reckte sich hoch zur Decke und spannte ihre Muskeln an, "siehst Du, ich bin kein Kind!!!"
Fear lächelte und ging auf das Werwolfmädchen zu. "Nein, ein Kind bist Du nicht, aber was führt Dich zu mir, und warum denkst Du, das..."
"Carnifex und Coniux sind weit fort, haben uns allein gelassen - Remus ist gegangen, nur Schattenfell, Wolfman und Lyk sind noch da, aber sie haben kaum Zeit - sie wissen, das was im Busche ist und reden nicht drüber... sie haben auf Dich gewartet..."
Maulchen legte sich auf Fears Bett und legte ihren Kopf in Fears Schoß.
"Hier passiert etwas, ich weiß nicht was - aber ich fühle es... und Lykanor fühlt es auch! Wolfman weiß es und Schattenfell auch - alle wissen es.... Lyk hat mir die Sterne gezeigt - Du bist die neue Mama - DU bist die, die uns helfen wird...oder?"
Fear nahm das kleine Wolfskind in ihre Arme, streichelte sanft ihren Kopf und sagte nur: "Ich weiß es nicht, aber wenn es so sein soll, dann bin ich es wohl... Ich weiß ja nicht einmal, wer ich selbst bin... Wo ich stehe und wem ich trauen kann... ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, wer ich war..."
Völlig unvermittelt wurde die Tür aufgerissen und Wolfman trat ein, eine schwarze Wölfin hinter sich, die mit der Anmut einer Katze den Raum betrat, dicht gefolgt von dem zotteligen Wolf, den Fear als Chefkoch und Hausmagier kennen gelernt hatte - Lykanor.
"Eine fremde bittet um Gehör", hob Wolfman an, "sie nennt sich KiarX!"
Fear wandte sich der Tür zu und murmelte "Ja? Was möchtest Du?"
Die fremde verneigte sich ehrerbietend und begann zu sprechen:
"Die Nachtfalter haben aufgerüstet, sie haben ganze Clans vernichtet und zum Niedergang gezwungen - mein Clan wurde bis aufs letzte ausgerottet! Ich möchte mich Euch anschließen und Euch dienlich sein im Kampf gegen die Blutsauger...
Ich meine es ernst und ehrlich, euer Sterndeuter weiß es!"
Fear blickte fragend zu Wolfman, der mit einem Nicken zu Lykanor wies.
"Sie spricht die Wahrheit, Herrin!" sagte dieser und verneigte sich tief, "Die Sterne sprachen von ihrem und Eurem Eintreffen - und sie sprachen vom Aufstand der Blutverpester - die Zeit ist reif, Entscheidungen zu treffen und die Euch gegebene Aufgabe zu akzeptieren... Ich habe mir die Freiheit genommen, Vorsorge zu treffen, und mit meinem Sohn eine Übereinkunft auszuhandeln - es blieb ihm keine andere Wahl, als zuzustimmen... Aber letztendlich liegt die Entscheidung bei Euch!"
Fear blinzelte unsicher in die vor ihr versammelte, kleine Gruppe hinein.
"Nun gut, okay - Wolfman, ruf mir Schattenfell hinzu, Du und sie, Lykanor und diese KiarX - wir wollen gemeinsam Rat halten!"
Tagebuch von Jan van de Burgh
Es ist unmöglich, unglaublich und jenseits aller Vernunft - ich traf heute auf meinen Vater! Mein Vater, den ich selbst noch mit meiner Mutter, Gott hab sie selig, zu Grabe getragen habe!
Der Mann, der mich auf seinen Armen hielt, der mir die Welt gezeigt und erklärt hatte, er lebt! Und er ist ein Opfer des Bösen geworden... Er hat mich heute be- NEIN - HEIMGESUCHT und meine Hilfe erbeten!
Mein Vater ist ein Werwolf geworden, aber was noch viel schlimmer ist - er war ein Vampir; Er war ein Vampir bereits als er mich gezeugt hat!
Ist das Blut des Dämons bereits in mir? Gab ich ihm darum nach???
Gnädiger Gott, hilf mir, lass mich nicht dem bösen anheim fallen, dem ich meine Hilfe versprochen habe, um Deine Schöpfung vor eben jenem Übel zu bewahren, dessen Kind ich eigentlich bin...
Wie um alles in der Welt ist es meinem Vater gelungen, über all die Jahre, seine wahre Identität vor Mutter und mir geheim zu halten... Ich habe immer gedacht, das nur meine Comichelden eine geheime Identität hätten - aber mein Vater...
Es ist wie es ist, und es lässt sich nicht ändern - das Leben ist zu kurz, um sich darüber Gedanken zu machen!
Ich bin die Brut eines dämonischen Mischlings, und ich bin vielleicht der entscheidende Teil, "the missing Link" - der, der der Menschheit die Rettung näher bringt!
Alles, an was ich jemals glaubte, alles was ich je verdrängte, mein gesamtes Leben - all das ist binnen weniger Minuten auf den Kopf gestellt worden!
Der Herr gebe mir die Kraft, das alles durchzustehen! Gott, wenn es Dich gibt, dann steh mir jetzt bei!
Aber über all dem steht für mich die Gewissheit, dass mein Vater lebt!
Und es ist mir egal, als was er lebt.....
Fünftes Kapitel
Fear saß im großen Versammlungsraum an der schier endlos erscheinenden Tafel, die aufgehende Sonne reckte die ersten Strahlen durch die Fenster. Zu ihrer linken saß Wolfman, Schattenfell zu ihrer rechten. Die Nacht hatte ihre Spuren an ihnen hinterlassen. Missmutig und schlaftrunken schleppten sich Lykanor und KiarX in den Saal, dicht gefolgt von Maulchen, die sichtlich unzufrieden mit der unchristlichen Uhrzeit war.
"Ihr lieben", begann Fear, "Ich habe euch nicht grundlos zu mir gerufen, es gibt Neuerungen, die sehr beunruhigend sind - eine dieser Neuerungen... bin ich! Lykanor hat anscheinend die Gabe des zweiten Gesichts, er wusste, dass ich zu Euch kommen werde. Er wusste auch von KiarX - und er ist einer Euerer ältesten... Ich erteile darum ihm das Wort und bitte Euch, ihm zuzuhören!"
Schweigend sah sie in die Runde, alle wandten ihren Blick erwartungsvoll dem "Grummelkoch" zu.
"Meine Freunde, nur wenigen von Euch ist bekannt, das ich über weit mehr Fähigkeiten verfüge, als nur die Kunst, Euch kulinarisch zu befriedigen, ich verstehe mich auf die Astrologie, die Magie und die Weissagung - nun denkt nicht, das ich im Osten einen Stern aufgehen sah - ich zähle mich nicht zu einem der Weisen aus dem Morgenland!" ein lachen folgte diesem letzten Satz, doch unbeirrt fuhr er fort -
"Ich habe euch allen meine Vergangenheit verschwiegen - niemand von Euch weiß, wer und was ich wirklich bin, und zu dem jetzigen Zeitpunkt werde ich Euch auch nichts davon sagen, nur so viel: Ich kenne die Botschaft der Sterne und ich weiß von den Vorhaben der Vampire, ich weiß, das wir einem Krieg so nahe sind, das es keine Zeit mehr gibt, um Vorbereitungen zu treffen, aber das ist auch nicht nötig! Alles, was wir brauchen, finden wir in uns und in unserer Mitte!"
Wolfman knirschte mit den Zähnen und blitzte ihn an. "Was genau willst Du uns sagen, und vor allem - was verheimlichst Du vor uns?!"
"Ich verheimliche nichts, was Euch schaden könnte, und was ich Euch sagen will - es gibt eine Prophezeiung, und in dieser wird von einem neuen Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen gesprochen! Und von einer Hoffnung unter uns... einer Anführerin gefolgt von einem unbekannten Schatten - und ich glaube, das Fear und KiarX in dieser Prophezeiung gemeint sind, die Zeichen sprechen dafür!"
Stille legte sich über die Anwesenden wie ein schweres, schwarzes Tuch, unvermittelt durchbrochen von Maulchen, die unbeirrt von der Erhabenheit der ältesten auf den Tisch sprang: "Und was hat das alles mit mir zu tun? Warum bin ich hier?? Und was ist mit den kleinen? Wer soll sie schützen? DU Lykanor? Du bist doch nur in Deinem Garten, deinem Turm oder in der Küche! Und Wolfman und Schattenfell? Ihr seid doch ständig nur auf der Jagd, aber wer ist für uns da? Wer..."
"Sachte, sachte", unterbrach Lykanor ihren Redeschwall, "Deine Zeit wird kommen, und es gibt keinerlei Grund, sich zu sorgen! Ich habe um Hilfe gebeten, an der Stelle, die als letzte in Betracht kam - Ihr kennt ihn, wir alle kennen ihn, doch er wird uns helfen, er ist auf unserer Seite!"
Schattenfell schlug ihre Krallen tief in den massiven Eichentisch, "Wer ist es?"
Lykanor holte tief Luft und senkte seinen Blick, "Jan van de Burgh!"
Stille, absolute Stille herrschte nachdem er diesen Namen hatte verklingen lassen.
Wolfman war der erste, der seine Sprache wieder fand. "Das Du irre bist, das ahnte ich schon, aber das Du verrückt bist, und uns alle ans Messer liefern willst, das hätte ich..." "SCHWEIG!!!!" fuhr ihm Fear ins Wort. Ruhig und sanft fragte sie, "Lyk, warum ausgerechnet dieser Mann, der allen Furcht einzuflössen scheint? Ich kenne ihn nicht, aber..."
"Er ist mein Kind!" erwiderte der Wolf mit krächzender Stimme und blickte mit traurigen Augen in die Runde. "Jan van der Burgh ist mein Sohn, und der einzige, der uns helfen kann! Glaubt es oder nicht - alles, was er von uns und den Vampiren weiß, das lernte er von mir! Ich bin nicht immer ein Werwolf gewesen!" "Schon klar!" erwiderte Schattenfell, "wir ja auch nicht!"
"Du verstehst das falsch..."sagte Lykanor, "Ich war so wie Ihr ein Mensch - aber bevor ich ein Wolf wurde, war ich ein VAMPIR!"
Betretene Stille beherrschte den Saal. Alle Augen ruhten auf dem Wolf, der die ganze Zeit für das leibliche Wohl des Clans verantwortlich war. Was hätte er in all den Jahren dem Clan antun können, wenn er gewollt hätte? Mehr als 200 Wölfe hätte er in den sicheren Tod schicken können.
"Ich vertraue ihm!" sprach Schattenfell in die Stille hinein. "Lasst Lyk sein wie er ist, er hat uns nie enttäuscht, geschweige denn verraten!"
Alle Augen blickten auf Lykanor. Der Wolf wirkte fast schon geschunden. "Ich liebe meinen Clan, ich fühle mich Euch mehr verbunden als je zuvor einem anderen Lebewesen auf dieser Welt - darum musste ich diesen Schritt machen... Es geht um UNSERE Existenz!"
"Klasse! Darum verkaufst Du uns an diesen Schlächter! Es wäre angenehmer, wenn jeder einzelne von uns sich einen silbernen Dolch ins Herz rammen würde!" wetterte Wolfman. Die gesamte Aufmerksamkeit lag auf Wolfman. Er ließ seiner Wut und Enttäuschung freien Lauf und bäumte sich an seiner Seite des großen Tisches so weit auf, das Fear sich beeindruckt in ihren Sessel drückte. "Meinst Du das alles wirklich ernst? Hast Du Dir das genau überlegt?" fragte Maulchen, die vollkommen ungerührt auf dem Tisch stand, "Ich meine, ich denke... also... bist Du nun noch... Sei ehrlich - willst Du uns allen wirklich helfen, oder hast Du uns nicht mehr lieb?" mit ihren großen Augen blickte sie Lykanor fragend an. Der Wolf richtete sich auf und sah in die Runde. "Meine Freunde - wenn ich Euch je enttäuscht haben sollte, so zerfleischt mich hier und jetzt! Doch wenn Ihr mir glaubt und vertraut, dann hört auf meinen Sohn!"
Einer schier unendlich scheinenden Stille folgte das rasseln der großen Saaltüren.
Begleitet von einem nahezu endlosen Raunen durchschritt Jan van de Burgh den Saal, um neben Lykanor Platz zu nehmen.
Voll Ehrfurcht blickte er sich um. Angst spiegelte sich in seinem Blick wider. Fear ergriff das Wort. "Ich kenne Euch nicht, aber meine Wölfe scheinen in Euch keinen Fremden zu sehen - wenn unsere Gestalt Euch innehalten lässt..." sie zögerte, dann nickte sie in die Runde, "ich bitte Euch..." unter lautem, schier unmenschlichen knirschen und krachen nahmen die versammelten Wölfe langsam wieder ihre menschliche Gestalt an.
Jan van de Burgh durchbrach die darauf folgende Stille: "Ja, ich habe Euch und Euresgleichen verfolgt und vernichtet, ich habe die Menschheit gegen Euch aufgehetzt - doch ich wusste nicht, das ich mit der Vernichtung der Werwölfe die Verbreitung der Vampirbrut gefördert habe - ich habe unzählige Eurer Brüder und Schwestern auf dem Gewissen... seit ich weiß wer und was mein Vater ist, weiß ich, das es auch meine Brüder und Schwestern waren... Hasst mich - von ganzem Herzen! Aber gebt mir die Chance, vergangenes Unrecht wieder gut zu machen! ICH WEISS, WO DIE VAMPIRE LEBEN!"
"Woher willst Du das wissen, Du Fleischsack?" fiel ihm Wolfman ins Wort.
"Ich habe das Schloss von Vlad Nocturnum gefunden!" antwortete der Jäger, "Ich kenne ihn und seine Brut! Ich habe sein Reich betreten!"
"Und WARUM hast Du ihn dann nicht vernichtet!?" schrie KiarX wutentbrannt.
"WAS WEISST DU SCHON?!" entgegnete van de Burgh, "Denkst Du, ich könnte ein Wessen töten, das untot geboren und gestorben ist, und wieder auferstand, um noch mächtiger zu werden? Weißt Du überhaupt, wem IHR ALLE, W I R ALLE die Stirn zu bieten anstreben? Vlad Nocturnum ist niemand geringeres, als der reinkarnierte Graf Vladislaus Dracul - im Volksmund bekannt als DRACULA!"
Sechstes Kapitel
"ER LEBT!!! BEI ALLEN TEUFELN UND DÄMONEN DER HÖLLE - E R L E B T ! ! ! ! !"
Unbändige Wut funkelte aus den Augen des Vampirfürsten. In seinen Händen hielt er einen schwächlichen, blassen und durch eine grausame Laune der Natur am ganzen Körper entstellten, alten Mann und schüttelte ihn wie einen Sack feuchter Lumpen durch. Das Schicksal hatte es so gewollt, das der Unglücksknabe den Namen Igor bekam - wie passend. Ein buckliger, hässlicher Mann, unfähig ohne zu sabbern und aufs erbärmlichste zu stottern auch nur einen klaren Satz zu formulieren und weder des Schreibens noch des Lesens mächtig, darüber hinaus auf einem Ohr taub - Quasimodo war eine Schönheit verglichen mit der Mitleid erregenden Figur, die gerade durch die Hände des Untoten malträtiert wurde.
"Www-er l-l-lebb-b-bt, M-m-m-meister?" röchelte er und versuchte verzweifelt sich dem Schraubstockartigen Griff zu entziehen.
"Dieser Flohzirkus auf vier Beinen - dieser WOLFMAN!!! Er hat es geschafft, unzählige dieser Fellmonster anzusammeln, unter ihnen Die Hexe Schattenfell und die Geißel der Dämonen, diesen abtrünnigen Lykanor! Aber damit nicht genug!" wutschnaubend schleuderte Vlad Nocturnum Igor von sich, "Er hat diese verdammte KiarX an seine Seite geholt, und mit ihr die prophezeite - sie nennt sich FEAR!!! F E A R ! ! ! ANGST!!!!!! Ich soll vor dieser Schlampe Angst haben, und vor diesem gesamten, verrückten Haufen Wildgewordener, tollwütiger Hunde??? NICHTS werden sie gegen die Macht meiner Vampire ausrichten können. Sie mögen die Spanier besiegt haben, aber das waren nur Kinder, die in ihrem Wahn einen nicht zu gewinnenden Krieg heraufbeschworen haben! Außerdem hatten diese Filzlausträger Verbündete... Aber nicht mit mir, Igor, nicht mit mir!!!"
Nocturnum steigerte sich so sehr in seine Wut hinein, das sein Gesicht bereits fast lebendige Züge annahm. Er wurde puterrot im Gesicht und sein Atmen glich dem schnauben eines wütenden Stieres.
"Er hat seinen Sohn gerufen, Lykanor hat sich mit seinem Bastard verbündet! Ich hatte gehofft, dass er durch den Werwolf zu einem Halbwesen wird, aber das Blut des Köters war anscheinend stärker als das reine Blut des Vampirs in ihm - er war niemals ein geborener Vampir, er war schon immer ein Mischling... Der Mensch war einfach zu schwach! Ich hätte einen Reinblütigen Vampir wählen sollen... Nun haben wir einen undefinierbaren Gegner, die Flohtaxis haben sich mit Lykanors Brut verbündet, diesem van de Burgh, der schon einmal in meinem Haus ´zu Gast´ war... er trägt das Erbe meiner Rasse und den Fluch des Mondes in sich... Und dieser verdammte Wolfman hat sie alle um sich geschart... Dabei war er doch nur mein Wächter... Ich habe diesem Köter zu viele Freiheiten gelassen..."
Unter lautem Krachen zerschlug Nocturnum die marmorne Platte seines Arbeitstisches und fiel auf die Knie.
"Igor - nun wirst du deine erste wichtige Aufgabe bekommen... Ruf die Vampire zusammen, versammle die Clans... Bring mir die Einzelgänger, die stärksten... Erweise dich als würdig, meine rechte Hand zu sein..."
Lykanor hatte genug gesehen und gehört. Er schlug das dunkle Seidentuch über den Spiegel und löschte alle Kerzen in seinem Studierzimmer bis auf eine, dann erst entzündete er die Gaslaternen im Raum und nahm in seinem Ohrensessel Platz. "Die Zeit drängt", dachte er, "Er weiß zu viel und er hat zu viele Verbündete..."
Er hatte nicht bemerkt, dass er nicht mehr allein im Raum war. Aus dem Schatten des im Dunkeln liegenden Türrahmens löste sich die Gestalt von Fear. Lautlos trat sie hinter ihn.
"Ich habe gesehen, was Du sahst, ich habe gehört, was Du gehört hast, und ich habe es verstanden und es macht mir Angst!" sagte sie.
Erschrocken wandte sich Lykanor um.
"Herrin", wisperte er, "Ich habe euch nicht kommen hören..."
"Erstens bin ich Fear, und zweitens möchte ich geduzt werden, Lyk! Ich bin keine Herrin, ich bin zu Euch gekommen wie die Jungfrau zum Kind, ich weiß nicht, was meine Aufgabe ist... Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin... Aber ich weiß, dass ich bei euch in guten Händen und unter Freunden bin, die es gut mit mir meinen. Dennoch habe ich Angst!"
"Nö, ich nicht!" meldete sich ein Stimmchen aus einer dunkleren Ecke. Sowohl Fear als auch Lykanor wandten ihre Köpfe in Richtung der fremden Person im Schatten. Es war Maulchen! Sie tapste in ihrer Wolfsgestalt auf die beiden zu und kuschelte sich auf Fears Schoß. "Du bist die richtige für uns, das weiß ich irgendwie!" sagte sie. "Und Lyki ist zwar schwer zu ertragen, aber eigentlich echt lieb! Wolfi ist nur so schlecht drauf, weil er so viel zu tun hat und Schatti ist wie eine Mama und Freundin!" Die beiden älteren Wölfe; beide in ihrer menschlichen Gestalt; blickten auf das Fellknäuel und lächelten. "Ich war lange weg!" murmelte Maulchen und kuschelte sich an Fear, "Aber ich habe aus der Ferne alles gesehen, ich weiß, was passiert ist - ich habe davon geträumt... Fear", sagte sie, "Du hattest mal eine Familie- Du hast eine neue Familie, die ist komisch manchmal und verworren, aber immer für einen da. Und Lyk ist ein Spinner!" Lykanor Gesicht verzog sich zu einer skeptischen Fratze. "ABER!!!" fuhr Maulchen fort," Er kann in den schlimmsten Zeiten aus dem vergammelten Vorrat im Keller noch ein Festmahl zaubern! Und er macht sich immer Sorgen... Und er hat seinen Sohn verloren und gefunden... Der hilft uns... Und die alte Bibliothek zeige ich ihm auch noch..."
Lykanor wurde mit einem mal agil wie selten in seinem Leben. "Was für eine Bibliothek, was redest Du da? Ich kenne die Bibliothek, ich habe nahezu alle Bücher katalogisiert und..."
"Nöööö - die alte hast Du NICHT gesehen, die oben im Turm!" grummelte Maulchen. "Die zeig ich dir aber jetzt nicht, jetzt geh ich schlafen!"
Sprachs und hopste davon. Fear und Lykanor blickten einander schweigend an.
Die Stille wurde jäh unterbrochen, als Schattenfell unvermittelt den Raum betrat.
"Er war hier!" sagte sie, "Nocturnum war hier...!" "Wie kommst du darauf?" wollte Fear wissen. "Pagadorn war bei mir - er hat in der Grossen Halle die Leiche von Remus gefunden", Tränen liefen über ihre Wangen, "Eine Nachricht befand sich bei der Leiche, ein Brief von Nocturnum... versiegelt... Ich kenne das Siegel, wir alle kennen es - die Nachricht ist an Fear gerichtet, aber..." Schattenfell brach unter Tränen zusammen, "Die Nachricht hat ihn umgebracht..."
"Was steht drin?" fragte Fear, "Was hat ihn so erschüttert, das..."
Schattenfell blickte Fear und Lykanor mit rotgeweinten Augen an, vergewisserte sich, das Maulchen wirklich außer hörweite war, dann erst fuhr sie fort.
"Niemand weiß, was in der Nachricht steht - sie wurde nicht geöffnet - sie wurde nur gefunden... Pagadorn hat sie gefunden und sofort Wolfman alarmiert... Dieser Schlächter hat den versiegelten Brief mit einem silbernen Nagel in Remus´ Kopf schlagen lassen... er war sofort tot!"
Lykanor vernahm die Worte und begann aus tiefster Wolfskehle zu heulen, Fear stimmte mit ein und mit ihr ließen alle Bewohner des altehrwürdigen Schlosses ihrer Wut und Trauer freien Lauf und ließen die Mauern durch ihren Trauergesang erzittern.
Der Krieg hatte begonnen!
Siebtes Kapitel
Der Leichnam von Remus war bereits zu Grabe getragen worden, die Blumen an seinem Gedenkstein begannen zu welken, doch die Trauer um seinen Verlust war noch immer allgegenwärtig. Lykanor stand an seinem Grab und bittere Tränen rannen über seine Wangen. "Remus", wisperte er, "Du warst mir ein guter Freund! Dein Tod soll nicht umsonst gewesen sein, und nicht ungerächt bleiben! Du wirst uns fehlen - Deine Klinge wird uns fehlen..."
"Und mit ihm seine freundliche Art mein kleiner..." erklang unvermittelt eine Stimme neben ihm, eine Stimme, die er nur zu gut kannte...
"Carni? Wieselchefin?? Ich dachte, Du wärst..."
"Nein!", sagte sie "nicht tot - nur nicht mehr da... aber ich behalte meine Kinder im Auge, und Coniux tut das ebenfalls... Kümmere Dich um Fear und um Wolfman, und hab ein besonderes Auge auf unser Baby... Du weißt schon, wen ich meine, das Maulchen! Ich hab Euch im Auge... Jederzeit... Ich verlasse Euch nicht..." Lykanor stand wie vom Donner gerührt da, und sah lediglich den Schatten eines kleinen Wiesels hinter den Büschen verschwinden. 'Ich drehe langsam durch!' dachte er, 'Das ist nur meine wirre Fantasie...' Doch es war keine Fantasie - aus dem dunkel des Grabes erhob sich ein weiterer Schatten und eine ihm wohlbekannte Stimme sprach ihn an. „Lyk – gerade DU solltest wissen, das die Geister der Vergangenheit lebendig und real sind! Du warst und bist nie allein; Alle, die im Kampf oder für unsere Sache und den Clan einstanden und ihr Leben ließen, sie alle sind da – IMMER! Denn ist es nicht dein Lieblingszitat? ‚Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis das der Tod die Zeit besiegt!’?“
Lykanor musste schlucken. Heiße Freudentränen tränkten sein Gesicht. „Remus? Ich dachte, ich hätte dich verloren, ich dachte WIR ALLE hätten dich verloren…“
„Das habt ihr auch, meine Hülle! Doch mein Geist ist bei euch! IMMER! Solange ihr unsere Erinnerung in euren Herzen tragt, werden wir bei euch sein!“
Langsam begann der Schatten des Freundes zu verblassen, wurde ein fast unsichtbares Schemen und verschwand schließlich vollends. „Lebe wohl mein Freund und vergiss nicht, das ich immer an deiner Seite bleiben werde!“
„Lebewohl, Remus! Wir werden dich niemals vergessen!“
Nachdenklich aber glücklich wandte sich Lykanor dem Domizil der CaX zu und ging darauf zurück. Er spürte, das, egal was auch immer kommen würde, alles gut wird!
*
Maulchen lag derweil schlafend in ihrem Bett. Die große Balkontür ihres Zimmers hatte sie offen gelassen um der erfrischenden Abendkühle Einlass zu gewähren.
Sie hatte sich, von tiefster Trauer über den Tod von Remus erfüllt, leise in den Schlaf geweint, in einen Schlaf, der von beunruhigenden Träumen erfüllt war. Ihr Schlaf war nicht tief, dennoch nahm sie nicht wahr, das sich auf ihrem Balkon eine dunkle, große, hagere Gestalt zu manifestieren begann, die aus dem Nebel gekommen schien und lautlos ihr Gemach betrat.
Leise begab sich der dunkle auf ihr Bett zu und zog ein blitzendes Schwert. Das schleifende Geräusch blanken Stahls auf hartem Leder ließ die kleine Werwölfin unvermittelt aus ihrem Schlaf aufschrecken. Sobald ihre an Dunkelheit angepassten Augen den Eindringling wahrgenommen hatten begann sie wie wild zu schreien und um sich zu schlagen.
„Ruhig Blut, kleiner Flohsack!“ redete der Fremde auf sie ein, „Du wirst nichts spüren – und wenn doch, dann nur kurz!“ Ein gurgelndes Lachen entrang sich seiner Kehle, als er langsam das Schwert beidhändig bis weit über seinen Kopf hob.
Er kam jedoch nicht mehr dazu, die Klinge zu senken. Wie ein schwarzer Blitz sprang Fear aus einer dunklen Ecke auf den hageren zu und zerfetzte ihm mit einem Biss ihrer messerscharfen Zähne die Kehle. Das Schwert fiel krachend zu Boden und der unheimliche begann laut und unmenschlich zu schreien. Fear und die vor Schreck und Angst zitternde Maulchen beobachteten, wie sich binnen Sekundenbruchteilen die Wunde an seinem Hals zu schließen begann. Die langen Eckzähne ließen keinen Zweifel daran, dass diese Kreatur ein Vampir aus Vlad Nocturnums Gefolge war.
Bevor er zu einer weiteren üblen Handlung wieder erstarken konnte, schlug Fear ihm ihre linke Pranke in den Brustkorb und riss ihm sein kaltes, schwarzes Herz aus dem Leib.
Angewidert und voller Zorn hielt sie ihm das noch pochende Organ ins Gesicht und zerquetschte es vor seinen brechenden Augen um ihn direkt an seinem Untergang teilhaben zu lassen, bevor er zu Staub zerfiel.
Weinend und vor Angst am ganzen Körper zitternd warf Maulchen sich in ihre Arme.
„Warst Du die ganze Zeit hier? Warum hast Du nicht eher eingegriffen?“ schrie sie Fear an, die bereits wieder ihre menschliche Gestalt angenommen hatte und das Werwölfchen liebevoll und zärtlich in die Arme schloss. „Ruhig kleines, ganz ruhig… Hätte ich eher eingegriffen, wären wir jetzt beide nicht mehr am Leben. Glaube mir, du warst nicht in Gefahr, nicht eine Sekunde!“
„Aber, aber – er wollte mich töten, er hatte ein Schwert und….“
„…und nicht den Hauch einer Chance gegen uns!“ beendete Wolfman den Satz und trat durch die Tür, gefolgt von Schattenfell. „Wir haben ihn bereits vor mehr als einer Stunde ums Schloss schleichen sehen. Leider ist er unseren Blicken immer wieder entwischt, diese verdammten Blutsauger können sich in einfach alles verwandeln… Bedauerlicherweise auch in Nebel!“
Langsam beruhigte Maulchen sich wieder. „Ich möchte heut nicht mehr alleine sein“, schluchzte sie, „ich möchte bei euch bleiben, bitte!“
Sie vergrub sich tief in Fears Arme und kuschelte sich an sie, wie ein schutzsuchendes Kind sich an seine Mutter klammert. „Du kommst heut Nacht mit zu mir“, raunte Fear ihr zu, „Ich passe auf dich auf, bei mir bist du sicher!“ Wortlos nickte sie Wolfman und Schattenfell zu, die daraufhin den Raum verließen. „Ich werde Lykanor bitten, uns heiße Schokolade und Kekse zu bringen. Dann entfache ich den Kamin, wir beide kuscheln uns unter die Decke, trinken Schokolade und erzähle dir eine Geschichte aus alten Tagen. Was hältst du davon?“
Maulchen blickte Fear mit ihren großen Augen an, die noch immer Tränenfeucht glänzten, ein dankbares Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.
„Ich halte das für eine hervorragende Idee!“ erwiderte sie und folgte Fear in über einen Umweg zur Küche bis in deren Gemach.
*
„Schokolade für die Damen…“ sang Lykanor in der Küche vor sich hin, „Kekse noch dazu…
Frisch gemacht in meiner Küche, danach leg ich mich zur Ruh’“
„Ja nee, is klar!“ lachte KiarX ihm zu, „Wolfman hat schon recht, du hast echt ne Schraube locker!“
„Meine Fresse, wo kommst DU denn her?“ sichtlich erschrocken wirbelte Lykanor herum und ließ dabei beinahe das Backblech mit den vorbereiteten Cookies fallen.
„Och, ich stehe schon eine ganze Weile hier herum und schau Dir zu! Dein Sprössling hat mich ein wenig aus der Fasson gebracht, und ich dachte, bevor ich meinen Frust an der Inneneinrichtung oder dem Clan auslasse, nasche ich ihn in der Küche weg – diese war grad dummerweise besetzt… obwohl ich angesichts der Kekse das ‚dummerweise’ in ein ‚Gott sei Dank’ ändern muss!“
„Erstens“, grummelte Lykanor, „sind die Kekse noch nicht fertig, und zweitens sind sie nicht für dich gedacht! Du warst ja anderweitig beschäftigt, als unser Maulchen von einem der Blutsauger beinahe aus ihrem jungen Leben geworfen worden wäre!“ Vorwurfsvoll blickte er die stolze Werwölfin an.
„Wo bist du gewesen, als wir unserem treuen Freund die letzte Ehre erwiesen, und ihn in Lycaons Arme gebettet haben? Es war auch DEIN Leben, für das er seines gab!“
Gekränkt funkelte KiarX ihn aus stahlblauen, wuterfüllten Augen an.
„Du dummer Wolf, der du bist!“ fauchte sie, „Er war auch für mich ein Bruder und Freund, doch hast du anscheinend noch immer nicht begriffen, das er nicht ganz tot ist!“
Ihr Fell wurde plötzlich schwarz wie die Nacht, ihre Werwolfschnauze schien zu schrumpfen, die Ohren spitzer und der Schweif länger zu werden. Das blau ihrer Augen wandelte sich zu einem dunklen grün, ihr gesamter Körper ähnelte nunmehr nicht mehr dem eines Wolfes, eher dem einer übermenschlich großen Katze. Mit weit ausgefahrenen Krallen sprang sie wutschnaubend auf Lykanor zu.
„Wie kannst du es wagen, meine Loyalität in Frage zu stellen? Ich dachte, du wüsstest, wer ich bin…!“
Ächzend stieß Lykanor das Pantherähnliche Wesen von sich.
„BASTET!“ keuchte er.
„DU bist Bastet…. Aber was hast du mit Remus zu tun??? Warum bist du so wütend?“
„Remus war mein Bruder! Älter als ihr alle zusammen! Ich war schon immer da, er war schon immer der älteste – und ich seine Schwester! Aber die Geschichte ließ es nicht zu, Bruder und Schwester als Begründer der ewigen Stadt zu akzeptieren, so machten die Römer aus mir einen Menschenjungen! Der wölfische Einfluss meiner Mutter gab mir die Kraft….“
Lykanor konnte es nicht glauben, es war zu fantastisch – zu verwirrend…
„WAS bist DU???“ schrie er sie an.
„Ein Werwesen wie du, Wolfman, Schattenfell, Fear und alle anderen in diesem Haus! Aber älter als ihr alle zusammen! In mir leben eine Bestie und ein Mensch, wir teilen uns einen Körper! Doch die Bestie vermag mehrere Gestalten anzunehmen…. Ich will euch nicht schaden, ich will euch helfen!“
Vorsichtig ließ sie Lykanor aus ihrem Griff los.
„Bitte glaube und vertrau mir!“ sagte sie, „meine Zeit kommt, und ich brauche jemanden, der auf meiner Seite steht. Ich muss, will und kann euch helfen… Glaube mir….“
„Ich glaube dir!“ schnaufte Lykanor und rang nach Atem, „aber halte deine wahre Gestalt vor den anderen zurück! Sie wüssten nicht, wie sie einer Göttin begegnen sollten…“
„Keiner Göttin“, erwiderte sie, „einem Werwesen wie wir alle es sind! Doch für die Menschen sind wir wie Götter… Du bist der einzige, der weiß, wer ich bin! Nun gehe weiter deiner Arbeit nach und gedenke nebenbei meines Bruders!“
„DEIN BRUDER“, fiel er ein, „Hat niemals Anspruch auf die Ursprünglichkeit seines Namens erhoben! Aber ich glaube dir – mehr noch, ich vertraue deinen Worten… aber ich werde dich im Auge behalten!“ Lykanor wandte sich dem Backblech zu und murmelte: „Er sprach niemals von Geschwistern! Er war mein bester Freund, er war ein guter Kamerad, oft haben wir in dieser Küche unsere ‚Wieselchefin’ bekocht… Aber sein Rezept gab er mir nie… Er sagte immer, das seine geheime Zutat ein Familiengeheimnis sei…“
Verschmitzt lächelnd wandte er sich KiarX zu. „FAMILIENGEHEIMNIS!!“
„Lasagne!“ erwiderte sie, „Verfeinert mit Bärlauch statt Knoblauch, und angereichert mit Sternanis in der Bechamelsoße… und einem Hauch Muskat… Und ich soll dir sagen, das die Truhe in deinem Gemach nicht verschlossen ist – weil dein Hirn immer an anderen Orten denkt, als an denen, an die es gehört!“ „Blblbll …. Wie jetzt???“
„Lyk…. Ich bin da, du verbohrter Wolf!“ ertönte eine Stimme aus dem „nichts“ – „Sie sagt die Wahrheit! Und jetzt erfüll die Arbeit, die wir einst gemeinsam taten – versorg unsere Chefin und beschütze den Clan… beschütze ihn mit dem, was die Sterne dir sagen… Du bist nur ein kleines Licht, aber du wirst noch eine große Flamme zum brennen bringen…. Dann erst werden wir wieder zu einander finden…“
„Remus?“ Lykanor war verwirrt, alles um ihn herum schien sich zu drehen. In seinen Händen sah er erneut das mit frischen Keksen belegte Tablett, und vor ihm stand KiarX.
„Bastet?“ fragte er. Sanft legte sie ihm eine Hand auf den Mund. „Schhhhhh – es war nur ein Traum…. Fear wartet auf Dich….“
*
Fear hatte es sich mit Maulchen in ihrem großen Bett bequem gemacht.
Einiges an Zeit war bereits vergangen, als es an der Tür klopfte. Ohne eine Antwort zu erwarten, betrat ein verstört wirkender Lykanor das Zimmer der neuen Clanführerin.
„Kekse und Kakao für meine Ladies!“ sagte er grinsend und stellte ein Tablett neben dem großen Himmelbett ab, dessen Inhalt seinesgleichen suchte.
„Ich wünsche eine gute Nacht und angenehme Träume!“ einen tiefen Kratzfuß machend verließ Lykanor den Raum und schloss die Tür.
„Endlich allein!“ seufzte Fear zufrieden und schenkte sich und Maulchen von dem heißen Kakao ein.
„Möchtest Du nun die Geschichte hören, die ich Dir zu erzählen habe?“ fragte sie das Werwolfmädchen und reichte ihr die Tasse voll des dampfenden Getränks.
„Ja bitte!“ kam die knappe Antwort und Maulchen lehnte sich voller Erwartung zurück….
*
Fears’s Geschichte
„Es ist nun wohl schon fast hundert Jahre her, das vor der Küste der östlichen Länder ein kleines Schiff in einen Sturm geriet. An Bord des Schiffes befanden sich neben dem stets finster dreinblickenden Kapitän noch der Bootsmann Christoph, der erste und der zweite Steuermann und unzählige Matrosen. Darüber hinaus der stille Koch, der an Bord eines Schiffes ‚Smutje’ genannt wird, den alle nur den ‚Schmuddelsmut’ riefen, aufgrund seiner stets befleckten Kochjacke, der Schiffszimmermann Georg und ein kleine Handvoll Passagiere, die auf dem Weg in unbekannte Gefilde nach einer neuen Heimat suchten.“
„Sah der Schiffskoch so aus wie Lyk, wenn er einen Hirsch ausgeweidet hat?“ fragte Maulchen und kaute dabei auf einem Keks.
„Ja, so in etwa, und noch viel schlimmer!“ erwiderte Fear. „Doch lass mich fortfahren, bevor ich den Faden verliere.
Dies kleine Schiff befand sich also in einem Sturm, mitten vor einer von zerklüfteten Felsen durchsetzten Küste und tanzte auf den Wellen wie eine Nussschale in einer Badewanne voll planschender Kinder. Die Hoffnung auf ein Ende des Sturms wurde immer kleiner, die Wellen immer höher und der Sturm nahm von Minute zu Minute an Stärke zu. Der größte Teil der Segel war bereits ein Opfer der Winde geworden und die gesamte Besatzung befand sich in hellem Aufruhr.
Einer der Passagiere schaffte es, sich einen Weg zum Kapitän freizukämpfen, der mit dem ersten Steuermann am Ruder stand und verbissen versuchte, den Kräften der Wellen zu trotzen. ‚Kapitän!’ rief der Mann, ‚Kapitän! Um Himmels Willen, führen sie uns aus diesem Sturm heraus, meine Familie ist unter Deck und zittert vor Angst um ihr Leben!’ Der Kapitän hatte bei weitem besseres zu tun, als sich dem Gejammer dieses armen Mannes anzunehmen, so sagte er nur rau: ‚Meine Männer und ich haben ebenfalls ein Leben zu verlieren, und wir zittern ebenso wie sie und ihre lieben, also lassen sie uns gefälligst unsere Arbeit tun, sonst…’ Da wurde der Kapitän jäh unterbrochen – vom Ausguck in schwindelnder, schwankender Höhe rief einer der tapferen Männer: ‚LAAAND! LAAAAAAAND IN SICHT!!!! DA IST EIN FEUER, ICH SEHE EIN FEUER!!! LAAAAAAND!’
Und tatsächlich waren in der Ferne Leuchtfeuer zu sehen. Der Weg zum sicheren Ufer war gekennzeichnet. Ohne zu zögern ließ der Kapitän den Kurs ändern, um das Schiff zum sicheren Hafen zu steuern.“
„Kenn ich“, murmelte Maulchen gelangweilt, „Das waren falsche Feuer von Strandpiraten und das Schiff ist am Ufer zerschellt und mit Mann und Maus versunken, blubb blubb – Ende! Stimmts?“
„Nein, stimmt nicht ganz. Du hast recht, die Feuer waren falsche Feuer, entzündet von Strandpiraten, die auf diese Art und Weise Schiffe im Sturm auf die Klippen lockten, um im Morgengrauen ihre grausige Ernte einzuholen. Und es ist auch richtig, dass das Schiff mit Mann und Maus versank, doch es ist damit nicht Schluss! Die Geschichte wäre doch langweilig, wenn sie so einfach zu Ende ginge, oder?“
Bedächtig ergriff Fear die Kanne Kakao und schenkte erst Maulchen und dann sich selbst nach, nahm sich einen Keks und knabberte genüsslich darauf herum. „Erzählst du jetzt weiter?“ ungeduldig zupfte Maulchen an Fears Nachtgewand. „Hey, wie geht es weiter?“
Lächelnd ergriff Fear wieder das Wort und nahm Maulchen dabei in den Arm.
„Unterbrichst du mich nun auch nicht mehr?“ fragte sie.
„Versprochen, ich bin still!“
„Nun gut. An Bord des dem Untergang geweihten Schiffes befand sich ein französischer Edelmann aus uraltem Geschlecht, der gezwungen war, seine Heimat zu verlassen. Bei Tag bekam man ihn selten zu Gesicht, und bei Nacht überhaupt nicht, dafür drangen des Nachts unheimliche Geräusche aus seiner Kabine nach außen…“
„Ein Vampir…“ gähnte Maulchen und schlug sich im selben Moment die Hand vor den Mund. „’tschuldigung… bin schon ruhig!“ sagte sie und kuschelte sich tiefer in Fears Umarmung.
„KEIN Vampir! Wo war ich? Ach ja, dieser Edelmann war während dieser stürmischen Nacht nicht einmal an Deck gekommen, er reagierte nicht einmal auf das hektische Klopfen der Matrosen, als sie versuchten ihn vor dem drohenden Untergang zu warnen, just in dem Moment, als sie gewahr wurden, das sie verraten wurden von den Verbrechern an Land.
Das Schiff zerschellte an den Klippen der Osteuropäischen Küste, es versank mit allen Lebewesen an Bord, überlebende, die es bis zum Ufer schafften, wurden kaltblütig von den Strandpiraten erschlagen und dem Meer zurück gegeben.
Dennoch blieb diese Gräueltat nicht ungesühnt; Einer der Strandräuber, ein armer Mann namens Mihail, der sich den Piraten anschloss, um seine Familie vor dem verhungern zu bewahren, sah aus den Trümmern des gestrandeten Schiffes einen schwarzen Hund in die Nacht entfliehen. Vielleicht war er nicht der einzige, der das Tier sah, aber er war der einzige, der von diesem Tier gesehen wurde!
In der dritten, auf den Untergang folgenden Nacht, saß Mihail vor seiner ärmlichen Hütte und wartete auf seine Kameraden, die in der Zwischenzeit die Beute zu Geld gemacht hatten.
Der Mond schien in vollem Licht und warf bizarre Schatten, als Mihail plötzlich hinter sich ein rascheln vernahm. Erschrocken wandte er sich um und sah vor sich, Auge in Auge, einen riesenhaften, schwarzen Wolf, der zu allem Überfluss zu sprechen begann.
‚Bon soir!’ sagte er, ‚Mein Name lautet Francois de Morangiès!’ Und vor den Augen des völlig verängstigten Mannes verwandelte sich der Wolf in einen jungen Mann mit feinen, aristokratischen Gesichtszügen, tiefblauen, traurigen Augen und von ebenmäßiger, athletischer Gestalt. ‚Du hast mein Schiff mit deinen Freunden versenkt! Meine einzige Hoffnung, am Ende der Welt eine gute Heimat zu finden, die mir angemessen ist! Du hast das Leben unschuldiger aus reinem Egoismus ausgelöscht! Was ich auch tat, doch bin ich dafür verflucht worden! Und so soll auch DICH ein Fluch treffen!’
Mihail bat um Gnade, er bettelte wie ein kleines Kind und weinte bittere Tränen, doch der Mann ließ sich nicht umstimmen. ‚Ich suchte den Ursprung des Fluches, dem ich anheim fiel,
doch DU und deine Kumpanen beendeten meine Suche, meine Hoffnung auf ein neues Leben, also werde ich dich dem gleichen Fluch aussetzen, der mich seit nunmehr acht Jahren heimsucht!’ Und vor Mihails Augen verwandelte der Edelmann sich zurück in das schwarze Monster. Seine Zähne blitzten unheilvoll im Licht des Mondes und der Wolf setzte grad zum Sprung an, als aus dem innern der ärmlichen Hütte das verängstigte Weinen zwei kleiner Kinder nach außen drang. Ruckartig hielt er inne und spitzte die Ohren. ‚Bitte Herr, mir blieb keine Wahl, der Winter naht, meine Kinder hungern, meine Frau ist krank…’
Der Wolf blickte den armen Mann aus großen, traurigen Augen an, sein Antlitz nahm menschliche Züge an. ‚Ich verachte deine Tat, doch warst du aus wideren Umständen dazu gezwungen. Verzeihen kann ich dir nicht, doch will ich dich auch nicht töten! Ich gebe dir eine Chance…’ erneut stand der Wolf in seiner menschlichen Gestalt vor Mihail, ‚Gibst du mir eine neue Heimat, werde ich für dich und deine Familie sorgen, doch wirst du auf ewig von deiner Tat verfolgt werden, bis an das Ende deines Lebens! Aber dein Leben wird ein besseres sein – zumindest für deine Familie!’
Was soll ich sagen, Mihail stimmte zu, und lebte seitdem zwar noch immer arm, litt aber nie mehr Hunger, denn er und seine Familie hatten täglich frisches Fleisch zu Essen. Und sie nannten einen strahlend schönen, jungen Mann, der wie ein hoher Herr einherging, ihren Gast auf ewig. Im Winter brannte stets ein wärmendes Feuer im Kamin und im Sommer war immer frisches Wasser im Haus, es gab immer gute Kleidung für alle im Haus, doch Geld hatte Mihail nie – es sei denn, er verkaufte die Erträge seines kleinen Feldes.“
Maulchen gähnte herzhaft und blickte Fear mit ihren großen Kulleraugen an. „Und die Tat, wie hat sie ihn verfolgt?“
„Du kleines, morbides Wölfchen!“ lächelte Fear, „Ich will es Dir sagen… Nacht für Nacht erwachte Mihail noch bevor der Schlaf ihm Erholung bringen konnte, er hörte im Traum die Schreie der ertrinkenden, das bersten der Masten – und Monat für Monat, wenn die See von Stürmen gepeitscht wurde und der Mond voll und hell am Himmel stand, war von der Küste seines Heimatdorfes aus in der Ferne der Schatten des Unglücksschiffes zu sehen, um ihn daran zu erinnern, das er den Tod von hunderten braver Menschen mit zu verantworten hatte, um das eigene und das seiner lieben zu bewahren. Wie weit kann blinde Angst vor dem Tod einen Menschen bringen? Wie viel weiter, wenn er ALLES zu verlieren hat? Aber der arme Mihail wird aus seinem einzigen Fehler gelernt haben.“
„Was wurde aus Francois de Mo – momo – monchichi oder so?“ wollte Maulchen wissen.
„Das ist eine andere Geschichte!“ sagte Fear lächelnd. „Du kannst sie in unserer Bibliothek lesen, oder sie Dir erzählen lassen! Am besten, vom Comte de Morangiès selbst.“
„Ich kenne den doch nicht mal, und ich kann den Namen ja kaum aussprechen, wie soll ich den dann in der Bibliothek finden?“ „Ach mein Maulchen“, seufzte Fear, „Du kennst ihn länger und besser als ich…“
„Lykanor???“ fragte Maulchen entgeistert. Fear musste lachen. „Nein, der hat eine andere Geschichte, und die kenne ich nicht. Ich weiß nicht einmal, woher ich die Geschichte des Comte de Morangiès kenne… Aber wenn du noch immer so wach bist…“ Fear blickte zur Uhr und schüttelte den Kopf. „Es ist halb vier! Du müsstest schon längst im Reich der Träume sein, und ich auch!“ „Kann nicht schlafen“, erwiderte Maulchen leise, „wenn ich meine Augen zu mache sehe ich den Vampir vor mir, und sonst nichts. Ich habe Angst. Kannst du mir nicht wenigstens die Geschichte von dem Comte de Monchichi erzählen? Was aus dem wurde? Dann bin ich auch still, versprochen!“
„Na gut, aber danach ist Schluss! Außerdem muss jemand anderer diese Geschichte erzählen. Und den werde ich jetzt holen!“ und noch während sie diesen Satz zu Ende brachte, zog sie an der samtenen Leine neben ihrem Bett, die eine bestimmte Glocke, irgendwo im Haus zum klingeln brachte…
Achtes Kapitel
Lykanor lag, in tiefste Träume versunken, in seinem Bett, als plötzlich und unvermittelt eine Glocke über seinem Kopf jäh seinen Schlummer beendete. Ein Blick auf die alte Uhr über dem Kamin verriet ihm, das er grad mal zwei Stunden geschlafen hatte. „Wasnuwiederlos!?“ brummelte er und schlüpfte in seinen Morgenmantel. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm auf, dass er noch immer seine altmodische Nachtmütze auf dem Kopf trug. Binnen Sekundenbruchteilen befand sich diese kraftvoll geworfen auf dem Kopfkissen. Peinlich, wenn er damit gesehen würde…
Schleppenden Schrittes begab er sich auf den Flur und blinzelte ins dunkel. Die einzige Lichtquelle war das fahle Mondlicht, und obwohl Lykanor als Werwolf selbst in finsterster Nacht besser sehen konnte als ein normalsterblicher am hellen Tage fiel es ihm schwer voran zu kommen. Der unsanft beendete Schlummer umhüllte seinen Blick mit dichten Nebelschleiern. ‚…und wehe, es ist nicht wichtig!’ dachte er und knurrte leise in sich hinein. Nach einem ihm endlos scheinenden Gang über lange Flure und steile Treppen erreichte er den Ursprung des unsanften Klingelns – das Gemach der frisch gebackenen Clanchefin – Fears Räumlichkeiten. Ungeschlacht und all seine Unmut einsetzend klopfte er an; Eigentlich war er kurz davor, die schwere Eichentüre einzuschlagen… Das freundliche ‚Herein’ von innen war kaum verklungen, da trat er bereits ein.
Das Feuer im Kamin brannte lustig vor sich hin, auf dem Stövchen vor dem Bett dampfte noch immer heißer Kakao und es schienen noch ausreichend Gebäck und Kanapees vorhanden zu sein, warum also wurde er herbestellt? Im großen, wuchtigen Bett lagerten Fear und Maulchen und lächelten ihn freundlich an.
„Lykanor, mein bester“, sprach Fear ihn an, „Komm herüber und setz dich zu uns!“
„Hätte mich auch bestimmt nicht dazu gelegt!“ grummelte er zurück, „das gibt nur dummes Gerede im Haus und versaut meinen Ruf!“
Sowohl Fear als auch Maulchen mussten herzlich lachen, so garstig und brummig der alte Wolf auch war, so liebenswert war seine Art, die jeder andere wahrscheinlich ernster genommen hätte, als sie gemeint war.
Was blieb dem Clankoch also anderes übrig, als sich einen Stuhl heranzuziehen und Platz zu nehmen. „Was kann ich für Euch tun?“ fragte er und gähnte.
„Du könntest unser Maulchen aufklären über…“ hob Fear an.
„Um diese Uhrzeit? Okay, also, wenn Wolfmama und Wolfpapa sich ganz doll lieb haben, dann…“ „Nein!“ fiel Fear ihm lachend ins Wort, „Lass mich doch bitte ausreden! Du sollst Maulchen aufklären über das Schicksal des Comte de Morangiès!“
„Nee, ne!? Und dafür weckt ihr mich auf??? Verzeihung, aber wir haben eine Bibliothek, laut Maulchen sogar ZWEI! Und es kann doch wohl nicht soooo wichtig sein…“ doch dem bittenden Blick aus Maulchens großen Augen konnte selbst der grummeligste Koch nicht widerstehen. „Okay süße, was möchtest du wissen?“ Maulchen ließ sich nicht lang bitten.
„Alles, alles was mit dem Komm der Monchichi passiert ist und wer er ist und wo er jetzt ist und was er so macht und…“ „Rrrrruuuuheeeee!“ brüllte Lyk und fuhr sich über die Stirn. „Ruhe! BITTE! Ich erzähle es dir – EUCH! Aber vorher…“ er schritt zum Kamin, blieb vor dem kleinen, hölzernen Servierwagen stehen und schenkte sich ohne zu fragen einen großzügigen Cognac ein. Dann nahm er wieder Platz und begann zu erzählen…
Lykanors Geschichte
„Der Comte war ein junger, ungestümer französischer Edelmann, alles andere als der Stolz seines Vaters, aber dennoch von ihm geliebt. In jungen Jahren geriet er in zweifelhafte Kreise, befand sich längere Zeit im Ausland und kehrte auf unangenehme Art verändert zurück… Er wurde zusehends gewalttätiger, man munkelt, er sei die berüchtigte ‚Bestie vom Gévaudan’ gewesen… Höchstwahrscheinlich war er es auch. Er zog seine blutige Spur sinnloser Gewalt quer durch Frankreich bis nach Italien, dort verlor sich seine Spur. Es heißt, er sei mit einem Schiff bis nach Ungarn gekommen, wo er Schiffbruch erlitt und seitdem als verschollen gilt.“
„Er ist nicht verschollen“, widersprach Maulchen, „Er lebt, er ist sogar hier im Haus, Fear weiß das! Aber sie weiß nicht, warum und…“
„Ach so! Dann hast du also SEINE Geschichte schon aufgedeckt…“ finster blitzte Lykanor Fear an, seine Augen hatten jegliche Freundlichkeit verloren. „Weiß er davon, dass du mit seiner Geschichte hausieren gehst? Auch wenn du uns regierst und führst, hat er noch immer gewisse – Privilegien!“
Fear musterte Lykanor kühl. „ICH genieße höhere Privilegien, und ich denke, das jeder von uns über den anderen bescheid wissen sollte. Nur so kann Vertrauen aufgebaut werden – und Vertrauen ist derzeit ÜBERLEBENSWICHTIG für uns alle! Und du bist nicht hier, um mir eine Moralpredigt zu halten! Du weißt, was mit IHM geschah, nachdem der alte verstarb, und mit ihm das Geisterschiff verschwand…“
Lykanor schaute betreten zu Boden. Der Schlafmangel und seine ungestüme Art hatten überhand genommen, und ihn ungehorsam und beleidigend werden lassen. „Es tut mir leid. Ich werde selbstverständlich mein Wissen teilen – ohne weitere Fragen zu stellen…“
„Das hoffe ich! Bitte fahre fort und entschuldige meinen Ausbruch!“ Die altbekannte Freundlichkeit hielt erneut Einzug in ihrem Gesicht und Lykanor fuhr erleichtert, an Maulchen gewandt, fort.
„Der alte Mihail war bereits verstorben, seine Kinder erwachsen und durch heirat an andere Orte gezogen, seine Frau alt und krank. Der Comte war noch immer jung und stark, er schien nicht zu altern. Mihails Witwe wusste mittlerweile von dem Geheimnis des mysteriösen Gastes, man konnte es nicht lange vor ihr verschweigen. Und der Comte kümmerte sich um sie, nannte sie liebevoll ‚Mama’ und wich kaum mehr von ihrer Seite, bis zu ihrem Tode.
Er trug sie zu Grabe, er war es, der dafür sorgte, dass der alte Mihail trotz seines Verrats ihr zuliebe seine letzte Ruhe neben seinem treuen Weibe fand, er ließ ihn exhumieren und neben ihr in einem prachtvollen Grab beisetzen. Als die alte Dame begraben war, zog er davon. Viele Monate war er auf Reisen, bis er eines Tages auf eine vornehme Jagdgesellschaft traf, derer er sich anschloss. Schnell gewann er das Vertrauen des Jagdherren, eines jungen Fürsten, der den Comte aufgrund seiner guten Erziehung als einen der seinen erkannte und in seine Reihen aufnahm.
Schnell errang der Comte die Stelle des Beraters am fürstlichen Hof, und damit verbunden sämtliche Privilegien. Nachdem der Herr des Landes zu seinen Ahnen fand, und der junge Herrscher das Reich übernahm, wurde der Comte zu dessen rechter Hand. Zu spät erkannte er, das sein Freund und Gönner einem ähnlichen Fluch anheim fiel, wie er selbst. Doch während der Comte nur einmal im Monat oder unter Anstrengung seines Willens zu einem Tierwesen mutierte, vermochte sein Herr seine Gestaltwandlung nicht zu kontrollieren – er konnte lediglich des Nachts umher streifen. Am Tage musste er in geweihter Erde seines Heimatlandes ruhen. Sein Jagdglück kam nicht von ungefähr – er hatte seine sterbliche Seele dem Teufel verschrieben, und dieser versah ihn mit schier unendlicher Macht – solange es Nacht war.
Es dauerte nicht lang, und die Seele des bösen brach in dem jungen Herrn aus. Er machte den Comte zu seinem Sklaven, er folterte ihn und brachte ihn unter Anwendung von unsäglicher Gewalt dazu, seine wölfische Gestalt beizubehalten. Er machte den schwarzen Wolf zu seinem Kettenhund, zu seinem Leibwächter. Er hielt ihn zwar ‚an der kurzen Leine’, doch vergaß er nie, das er einst ein Mensch war… Eine Nacht, alle vier Wochen, war ihm vergönnt, in der er als Mensch frei sein durfte, zu tun, was immer er wollte. Die Dekadenz, Arroganz und Dummheit des Fürsten brachten ihm jedoch seinen frühen Tod – in Gestalt eines holländischen Arztes und Wissenschaftlers und dessen Gefährten. Seitdem ist der Comte frei, seine Gestalt zu wählen, außer in Vollmondnächten, dann wird er, ob er will oder nicht, zu einem Wolf, und mit ihm all jene, die seine Opfer oder Nachkommen geworden sind. Dennoch war er nicht der erste. Aber er brachte das Mondlicht zu uns. Und er lebt noch immer! Doch hat er bis heute nicht verraten, wer ihn zu dem machte, was er ist!“
Lykanor schwieg und nahm einen Schluck des noch immer dampfenden Kakaos zu sich.
Maulchen, bereits sichtlich müde, aber noch immer neugierig, zupfte an seinem Ärmel, „Ja, wer ist der Komm Monchichi denn nun?? Jetzt sag schon!“
Zunächst blickte Lykanor Fear fragend an. Sie nickte. Sie nahm jegliche Verantwortung mit diesem Nicken auf sich – sie hatte den Stein ins Rollen gebracht. Dann wandte er sich der kleinen, neugierigen Werwölfin zu.
„Mein liebes Maulchen“, sagte er, „Schwöre uns beiden gegenüber, dass du dieses Geheimnis für dich behältst! Und schwöre es aus tiefstem Herzen!“
„Ich schwör!“ wisperte Maulchen und legte die rechte auf ihr Herz.
„Der Fürst“, fuhr Lyk fort, „Der Fürst war ein viel versprechender, junger Feldherr mit Namen Tepes, Vlad Tepes – später bekannt als Draculea… Der Pfähler! Sein Kettenhund, der junge Comte… Er ist einer der höchsten unter uns… Aber sprich ihn niemals darauf an… Lass ihn die Vergangenheit vergessen… er hat lange genug als Kettenhund des Vampirs leiden müssen.“
Fear und Maulchen blickten Lykanor an, beide schwiegen. Fear hatte die ganze Zeit über an jemand anderen gedacht, nicht an Lykanor oder DevilDog, sie alle hatten eh bereits neue Namen, hatten sich selbst umgetauft oder wurden umgetauft, so wie sie bei ihrer ‚Geburt’ zu FEAR wurde. Wie mochte Maulchen geheißen haben?
„Wolfman?!“ flüsterte Maulchen und eine einzelne Träne rann über ihr Gesicht. „Ist Wolfman der Komm, der Kettenhund? Ist er darum manchmal so… streng?“
Lykanor streichelte dem Werwolfmädchen zärtlich über den Kopf und nickte. „Ja, Wolfman hat das alles erlebt. Und es ist weit mehr als hundert Jahre her“, er blickte zu Fear, „es sind fast 600 Jahre! Und es war kein falsches Leuchtfeuer – diese Geschichte stammt von Wolfman… er ist auch kein französischer Edelmann, obwohl es den Comte gab… Er war nur ein unglücklicher Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort war… Er war Mihail… Die Pest hatte ihm seine Familie genommen, und ein Werwolf wie wir es sind nahm ihm das Leben – doch waren unsere Vorfahren wilde Bestien, zu dumm um überhaupt miteinander zu kommunizieren… Wolfman war einer der ersten, die den Fluch zu beherrschen lernten… Liebe hat ihn das gelehrt!“
Lykanor blickte betreten ins Kaminfeuer. Dann sah er Fear an. „Vergiss das nicht, er hat Opfer gebracht und Leiden ertragen, um uns die Freiheit zu geben, das zu sein, was wir sind!“ Schweigend nickte Fear und drückte freundschaftlich seine Hand. Maulchen wuselte sich zwischen die beiden und blickte Lykanor fragend an. „Und was ist mit DIR? Du hattest doch auch einmal eine Familie, oder? Kinder, eine Frau? Du bist doch mehr Mensch als – als Wolf?! So wie Wolfman auch und Schatti und Fear – was ist mit Dir?“
Lykanor schluckte. Seine Augen brannten und seine Kehle schien zugeschnürt zu sein.
„Das ist eine andere Geschichte“, sagte er, „eine lange Geschichte. Ich wollte alles und davon etwas zu viel… Aber das erzähle ich, wenn ich bereit dazu bin! Für heute ist es genug! Der morgen graut und wir müssen alle noch etwas schlafen.“
„Ich glaube, Lyk hat recht“, sagte Fear und drückte Maulchen sanft in die Kissen.
„Gute Nacht“, sagte der grummelige Koch lächelnd und deckte die beiden zu, „Schlaft gut ihr Klatschbasen – und wagt es ja nicht, mich noch einmal zu wecken! Heute gibt es Brunch!“
Lautlos verließ er den Raum und begab sich zurück in Richtung seiner Räume.
Kurz vor der letzten Biegung des Flures, in dem sich seine Tür befand, riss ihn eine kalte, starke Hand zurück. „Dein Weg endet hier, Geschichtenerzähler!“ Lykanor kannte die Stimme, und noch besser kannte er das Gesicht, das ihn böse angrinste.
„Vlad Nocturnum – Willkommen in der Höhle des Löwen!“ sagte er gurgelnd, denn der Vampir drückte ihm die Kehle zu.
„Guten morgen – KLEINER BRUDER!“
Neuntes Kapitel
1442 – Fürst Vlad II. Dracul führte einen erbitterten Kampf gegen die Osmanen. Er geriet in Geiselhaft und konnte sich nur durch seine diplomatischen Fähigkeiten befreien.
Vlad II. Dracul ließ, um sein Bündnis mit den Türken zu bekräftigen, die Brüder Vlad Draculea und Radu zurück.
„Ich untersage dir, mich weiterhin als Bruder zu bezeichnen, du hast mich verraten und verkauft, mit meinen Peinigern allein gelassen!“ ächzte Lykanor.
„Und du kamst dennoch lebend zurück! Habe ich unsere Peiniger nicht vernichtend geschlagen, kleiner Bruder? Habe ich dir nicht die dunkle Gabe geschenkt und dich zu einem Kind der Nacht gemacht? Habe ich dich nicht aus den Krallen des Sultans gerissen und dir ein besseres Leben ermöglicht? Was hast du daraus gemacht? Ein erbärmlicher Hund ist aus dir geworden! Deinesgleichen war nichts weiter als ein Teil meiner Wache – ein niederer Teil! Doch mein Schosshündchen lernte nur allzu bald seine ihm innewohnenden Kräfte zu nutzen! Und DU gabst ihm die dunkle Gabe weiter! Du hast MICH verraten, nicht umgekehrt! Mich und unseres Vaters Erbe!“
„Vater würde aus dem Grabe auferstehen und dir mit Freuden einen Pflock durch dein schwarzes Herz treiben, wenn er wüsste, was aus dir geworden ist, und das du diesen Fluch auf mich übertragen hast! Mutter stürzte sich DEINETWEGEN in den TOD!“ knurrte Lykanor und schloss die Augen. Eine Träne rann über seine Wangen.
„LÜGE!“ schrie der Vampir und schleuderte den Werwolf wie ein Spielzeug gegen die Wand. „Keine Lüge – sie konnte es nicht ertragen, ihren ältesten Sohn an die Hölle zu verlieren…“
„Die Osmanen haben ihr eine falsche Botschaft von Vaters Tod….“
„Vlad, du weißt es, es ist eine Lüge, die du verbreitet hast und inzwischen selbst glaubst…“
Die Augen des Vampirs begannen rot zu glühen. Voll Inbrünstiger Wut stürzte er sich auf den Wolf und schüttelte ihn durch. „Vater ist nicht mehr da, um dich vor mir zu schützen! Ich komme wieder, kleiner Bruder! Ich habe einen Weg gefunden, immer wieder unerkannt in eurem Schloss ein – und auszugehen!“
Wie ein nasses Handtuch ließ er Lykanor fallen und wandte sich um.
„Ihr könnt euch nicht schützen! Weder DU noch eure neue Schlampe oder mein Schosshund – niemand kann euch Sicherheit und Schutz gewähren!“
Und wie ein Schatten im Licht greller Scheinwerfer verschwand er so plötzlich, wie er gekommen war.
*
Die Sonne war längst aufgegangen und ein Haufen aufgebrachter Wölfe tummelte sich vor dem verschlossenen Speisesaal, an dessen Haupttür ein großes, handgeschriebenes Schild prangte –
„Heute kein Frühstück – Dafür Mittagessen ab elf!“
Niemand hatte auch nur den Hauch einer Ahnung von der unheimlichen Begegnung zwischen Lykanor und dem Vampirfürsten.
Der allseits als missmutig bekannte Koch stand in seiner Küche und rührte in verschiedenen Pfannen und Töpfen, richtete Platten her und dekorierte, backte Scones und Weizenbrötchen, war aber nicht bei der Sache dabei. Immer wieder murmelte er Unzusammenhängende Sätze in sich hinein, ließ hier und da etwas anbrennen oder fallen, von mal zu mal sogar eine Träne.
Wolfman betrat die Küche durch die Hintertür des Kräutergartens und schaute Lykanor schon eine lange Zeit in seinem wirren gehabe zu, bis er das Wort ergriff: „Was ist los, mein Freund? Was bedrückt dich?“
„Nichts!“ erwiderte der Küchenchef und wandte sich seinen Herdplatten zu.
„Ich habe dich verletzt, Lyk, ich wusste nicht, das van de Burgh dein Sohn ist, ich dachte, das du….“
„Nein, Wolfi, das ist es nicht… Ich kann es dir nicht sagen!“ zögernd ließ er von seiner Beschäftigung ab und drehte sich um. Seine Augen waren rot vor Tränen. „Ich bringe Verderben in den Clan, ohne es zu wollen, Wolfman. Ich habe es nie gesagt, ich habe es immer verschwiegen… Ich kann es abwenden, aber es ist unmöglich für mich, darüber zu reden – am allerwenigsten mit DIR! Ich kann dir nicht sagen warum, aber…“
„Es ist in Ordnung – ich vertraue dir, Lyk!“ sagte Wolfman, „Wir alle vertrauen dir!“
Dann drehte er sich um und verließ die Küche wieder.
Lykanor wandte sich erneut dem Herd zu, begann wie wild in irgendwelchen Pfannen und Töpfen zu rühren und murmelte: „Wie könnt ihr jemandem vertrauen, der sich nicht einmal selbst vertraut?“
Und aus der Tiefe seiner Gedanken dröhnte das böse Lachen Vlad Nocturnums in sein Hirn…
*
Fear erwachte aus einem schlaflosen Traum, Maulchen lag noch immer dicht an sie angekuschelt neben ihr – die kleine Werwölfin zitterte wie Espenlaub.
„Er war hier!“ sagte sie. „Ohne das böse kann es kein gutes geben – und unser böser Schatten war hier… Er wird Lykanor vernichten…“
Wie von der Tarantel gestochen sprang Fear auf und rüttelte Maulchen aus ihrem Dämmerschlaf. „WER WAR HIER???“ rief sie.
„Das weißt du nicht?“ fragte das Mädchen entgeistert, „Nocturnum war da. Ich wittere ihn. Er hat seinen Bruder besucht. Er wird ihn vernichten… Die alten Bücher berichten davon…“
„Welche Bücher?“ Fear war wacher als jemals zuvor. „Die in der alten Bibliothek – die, die Lyk noch nie sah… ich war dort, ich hab sie gesehen und habe einige gelesen… Und Lyk wird nicht der einzige sein…“
Fear war schier außer sich. Sie sprang auf und schleuderte die uralte Waschschüssel zu Boden. „Niemand wird sterben, wenn ich es verhindern kann! Führ mich zu dieser Bibliothek!“
„Nicht ohne Lyk!“ erwiderte Maulchen, sprang auf und begab sich in die unterste Etage, zur Küche…
*
Noch immer ‚wuselte’ Lykanor unstet durch seine Küche- die unerfreuliche Begegnung mit seinem älteren Bruder, der ein Feind des gesamten Clans war, und die Erinnerung an den Freitod ihrer Mutter Elisabetha nagte an seiner Seele. Wie sollte er Wolfman, Schattenfell, Fear und allen anderen erklären, das er der Bruder des Vampirs war… Selbst Wolfman wusste davon nichts. Lykanor vermochte stets seine Vergangenheit zu verhüllen.
Das sein eigener Vater seinen Bruder und ihn im Stich gelassen und verraten hatte, das hatte er schon lange vergeben und vergessen – aber das sein Bruder ihn zu einer seiner Marionetten hatte machen wollen… und nun seine Freunde zu vernichten und unterjochen suchte…
Von tiefster Traurigkeit und Scham erfüllt versank er in einer Ecke und bettete seinen Kopf in seine Hände und begann zu weinen wie ein kleines Kind.
Eine zärtliche Hand riss ihn streichelnd aus seiner Lethargie und eine sanfte Stimme flüsterte ihm zu: „Nichts auf dieser Welt geschieht ohne Grund, nichts ist härter, als den letzten Freund zu verlieren! DU hast mehr Freunde an Deiner Seite, als Steine die uns umgebenden Mauern bilden… Solang wir zusammen halten, wird uns nichts geschehen!“
„Fear?“ Lykanor blickte auf und sah die Herrin der CaX vor sich, hinter ihr Maulchen, aufgeregt hin und her tänzelnd.
„Ich kenne kaum einen von euch“, sagte Fear, „aber ich habe jeden einzelnen in mein Herz geschlossen! Und ich bin erwählt worden, für euch Einzustehen! Lyk – Radu Vlad Draculea – Wir sind alle auf deiner Seite, solang du auf unserer Seite bist!“
„Woher weißt du…?“
Fear wandte ihren Kopf Maulchen zu. „Sie kennt dich und alle anderen – und sie kennt die Geheimnisse dieses Gemäuers… Radu, mach dir keine Sorgen mehr! Wir werden den Vampirfürsten finden, stellen und unschädlich machen!“
„Bitte“, sagte Lykanor, „Nenn mich nicht Radu, sprich mich mit meinem ‚neuen’ Namen an – Radu ist tot und begraben, er hat genügend Leid erfahren und in die Welt gebracht. Und Radu hat seinen Bruder verraten – ich kann meines großen Bruders Wut verstehen… aber ich teile sie nicht. Ich habe gelernt zu vergeben und zu vergessen!“
„…und zu unterdrücken!“ ergänzte ungefragt eine Stimme aus dem dunkel des Raumes seinen Satz. Wolfman! „Ich habe alles mit angehört, Lyk. Bitte sag, dass es nicht wahr ist! Bitte sag, dass du nicht der Bruder dieses Scheusals bist! Das kann ich nicht glauben!“ Eine schwach unterdrückte Träne der Verzweiflung und des Unglaubens rann Wolfmans Lefzen hinunter. Lykanor schluckte und sah ihm tief in die Augen. „Es ist wahr! Ich bin ein Draculea und der Bruder des als Vlad Nocturnum bekannten Schlächters – der Bruder desjenigen, den wir die Geißel der Wölfe nennen und der, der euch durch das Verschweigen der Wahrheit seit langer Zeit belügt!“
Kopfschüttelnd wandte Wolfman sich ab. „Ich hatte dir immer vertraut, dich wie einen Bruder geliebt und wie einen Lehrer geachtet – aber nun… das sind zu viele Dinge, die heut auf mich eindrangen. Es tut mir leid; Ich weiß nicht mehr, wer du wirklich bist!“
Ohne ein weiters Wort verließ Wolfman die Küche und verschwand alsbald im Schatten des weitläufigen Flures. Betroffen und traurig sah Lykanor ihm hinterher, und erneut war es Fear, die ihn tröstend an ihre Seite zog. „Er wird es bald verstehen“, sagte sie, „Komm, es wird Zeit, das Maulchen uns in ihre Geheimnisse einweiht!“
Lykanor nickte bloß und folgte den beiden schweigend zu einem Teil des Schlosses, den er selber zuvor noch nie betreten hatte.
Zehntes Kapitel
Wolfman trottete gedankenverloren durch die schier endlosen Gänge des Clandomizils und gab sich völlig seinen Gedanken hin. Er war hin und her gerissen durch all das, was er soeben gehört und im lauf des vergangenen Tages erzählt bekommen hatte. So hatte Lykanor also nicht nur einen Werwolf –und Vampirjagenden Sohn, sondern auch noch eine historisch alles andere als unbefleckte und irrelevante Vergangenheit. Wie konnte er dies nur so lang verschweigen? So lange war Lykanor bereits Teil des Clans, er kannte die beiden Gründerinnen, hatte unzählige Kämpfe und Kriege erlebt… Und was war mit Fear? Wie ein Dieb in der Nacht, schier aus dem Nichts war sie plötzlich aufgetaucht, von allen als neue Herrin aufgenommen und akzeptiert worden… Ohne zu fragen, einfach so nahm sie seinen und Schattenfells Platz ein und ergriff sogar Partei für Lykanor, schien ihn zu verstehen! War da was zwischen den beiden? Hatte am Ende gar der Vampir sie geschickt? Wolfman wusste um die Gerissenheit Nocturnums und das nur allzu gut! Niemals würde er vergessen, das dieser Dämon in Menschengestalt unheilige Experimente an ihm vollzog, ihn zu einer wahren Kampfmaschine spritzte, operierte und züchtete… Der glücklichste Tag war für Wolfman, als er den Ketten entkam, die Nocturnum ihm angelegt hatte und endlich er selbst wurde, kein Mensch mehr, aber ein Wolf von unermesslicher Kraft, Größe und Stärke… bereit, sich dem einstigen Herrn zu stellen. Und grad der Wolf, den er als zerlumptes Fellknäuel aufgenommen und hochgepäppelt hatte, der sollte ein Blutsverwandter des verhassten, in Erde ruhenden Dämonen sein?
Inmitten seiner Gedanken kreuzte Schattenfell seinen Weg und fragte ihn ohne Umschweife, was in seinem Kopf los war.
„Es… es ist nichts. Lediglich die Sorge um unsere Freunde und die Anspannung angesichts der drohenden Kämpfe mit den Vampiren….“
„Nein!“ unterbrach ihn Schattenfell grob, „Da ist mehr! Du grübelst und du hast Tränen vergossen! Und ich denke nicht, das es mit dem Angriff auf Maulchen zu tun hat…“
Wolfman sah ihr tief in die Augen.
„Du hast Recht!“ sagte er, „aber ich kann und will derzeit nicht darüber reden. Verzeih!“
Schattenfell erwiderte seinen Blick kurz und drehte sich langsam um, um zu gehen. „Es ist wegen Lyk!“ sagte Wolfman. Schattenfell wandte sich ihm erneut zu und blickte ihn ernst an.
„Dann hast du es also endlich auch erfahren…“
*
„Ich dachte, du weißt nicht, wer ich bin!?“ sagte Lykanor im gehen zu Maulchen, die daraufhin prompt anhielt und ihn grinsend ansah. „Du folgst einem kleinen Kind, denkst du, und glaubst zu wissen, wer ICH bin… Lyk, du kannst alles essen, kochen und erforschen… aber du wirst niemals alles wissen! Ich weiß, wer du bist, aber ich weiß nicht, was du in all der Zeit warst! Und du weißt nicht, wer ich bin oder war. Für euch alle bin ich die kleine, und das ist auch so. Doch tief in mir drin ist jemand anderes, der mehr weiß! Bitte frag mich nicht, woher es kommt, das ich an euch denke, oder euch ansehe und über euch nachdenke, und plötzlich Dinge weiß, die ich gar nicht wissen kann! Es ist so, und es macht mir Angst! Aber es gibt mir dennoch Zuversicht… Immer dann, wenn Fear in meiner Nähe ist. Und KiarX… und DU!“
Weder Fear noch Lykanor sprachen auch nur ein einziges, weiteres Wort; Schweigend folgten sie dem Wolfsmädchen durch die dunklen, feuchten, unbekannten Gänge des Schlosses, bis sie schließlich und endlich vor einer riesigen, eisenbeschlagenen Tür stehen blieben.
„Wir sind da!“ wisperte Maulchen und sah Lykanor an. „Ich denke, du solltest vorangehen…“
*
Der Vampirfürst saß auf seinem Thron und lächelte böse. „Ich habe ihn da getroffen, wo es am meisten schmerzt!“ lachte er, „ich habe ihm seine Vergangenheit in Erinnerung gerufen! Und ich habe ohne es bewusst in die Wege leiten zu wollen Zwietracht gesät!“
Voller boshafter Freude rieb er sich die langen Finger. „Radu, mein Bruder, ich werde dir schon zeigen, auf wessen Seite du gehörst! Du bist als Dracul geboren und als ein Dracul wirst du sterben!“ Der verkrüppelte Diener blickte seinen Herrn unverwandt an und fragte: „W w- wen mein – eint ihr, H – Herr?“
„Meinen bescheuerten Bruder, du Missgeburt!“ blaffte Nocturnum zurück und grinste.
„Stell bitte keine weiteren Fragen. Du wirst ihn noch früh genug kennen lernen, den kleinen Scheisser! Er ist nicht mehr weit davon entfernt, wieder ein Teil von mir zu werden… ich fühle es! Ich werde ihm die Macht geben, die er einst als Vampir hatte. Er wird sich nach dieser Macht verzehren – und seine Freunde verraten, um sie gänzlich zurück zu bekommen!“
„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe genug gehört!“ raunte Pagadorn Neo zu und sprang von dessen Schultern. „Jo!“ gab Neo zurück, „Nocti’s Bro’ hat scheinbar ein Problem am Arsch! Und das hat mit seinen Freunden zu tun!“
Pagadorn verzog das Gesicht und verpasste Neo eine Kopfnuss. „Man du Vollpfosten! Wer würde wohl für den Langzahn als Verräter interessant sein? Ein WERWOLF!!! Also haben wir einen Verräter UNTER UNS!!! Geschnallt?“
Neo nickte und versah Pagadorn aufgrund der unsanften Gedächtnisstütze mit einem finsteren Blick. „Kapiert! Aber wer soll das sein?“
„Na, die neue Chefin ist es wohl nicht, er sprach von einem Bruder. Aber so wie sich das alles anhörte.. Ein Werwolf, der mal ein Vampir war… Ich hab da so was läuten hören, das unser Hobbyastrologe… Lass uns Wolfman aufsuchen!“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren brachen die beiden auf.

